Besprechungen von CD-ROM zum Themenkomplex Nationalsozialismus

08/1998Gedenkstättenrundbrief 84, S. 30-36
Dietmar Sedlaczek

Titel: Die Weiße Rose

von Ulrich Chaussy

Produzent: Software Krieger, Zander & Partner GmbH, Driftwood Produktion

Produktionsland: Bundesrepublik Deutschland

Erscheinungsjahr: 1995

Herausgegeben von Franz-Maria Sommer

Verlag: Systhema, München

Preis: DM 98,—

Systemvoraussetzungen: ab MS-Windows 3.1; CD-ROM Double Speed 300 KByte/sec.; PC: ab 486er/25 MHz oder 486er SX/33 MHz; mind. 4 MByte RAM; 8 MByte RAM empfohlen; 16-Bit-Soundkarte (Stereo); VGA-Grafikkarte

»Die Weiße Rose« gehört zu den frühen CD-ROM, die sich mit dem Themenkomplex Nationalsozialismus befassen. Sie erschien 1995 im Münchner Systhema Verlag. Wie der Titel bereits verrät, handelt es sich hier um keine allgemeine Darstellung des NS, sondern um eine Fokussierung auf die Widerstandsbewegung Die Weiße Rose. Allerdings werden in verschiedenen Kapiteln einzelner Abschnitte der CD-ROM auch entsprechende Hintergrundinformationen, beispielsweise zum Thema »Jugendopposition im Dritten Reich« angeboten. Im im übrigen mit 26 Seiten recht ausführlich gehaltenen Booklet wird darauf verwiesen, daß das CD-ROM-Projekt von der Stiftung »Weiße Rose« unterstützt worden sei. Die Zusammenstellung der Materialien sei in enger Kooperation mit der Stiftung erfolgt. Insgesamt enthält die CD-ROM ca. 1100 Seiten Text, vier Stunden Tonaufnahmen sowie 500 Bilder bzw. Originalreproduktionen und andere Materialien.

Vom Aufbau her ist »Die Weiße Rose« keine Gesamtkompostion, sondern eine Zusammenstellung verschiedener eigenständiger Texte und für das Medium aufbereiteter z.T. bereits publizierter Darstellungen. »Wer Bücher liest«, so der Text im Booklet, »dem wird der Umgang mit dieser CD-ROM leichtfallen.« Und weiter: »Der Stoff ist auf Seiten organisiert: Man kann darin wie in einem Buch blättern, zur Orientierung dient ein Inhaltsverzeichnis, mit dem die einzelnen Werkeinheiten aufgerufen werden können. Im Vordergrund steht jeweils der Inhalt, Bedienungsfunktionen werden nur bei Bedarf eingeblendet.«

Nach einem vorangestellten Fichte-Zitat erscheint das besagte Inhaltverzeichnis, in dem optisch die einzelnen Bestandteile der CD-ROM dargestellt sind. Zur inhaltlichen Einführung dient ein Interview mit dem Vorsitzenden der »Weiße Rose Stiftung, München e.V.«, Franz J. Müller, das als Hörbeispiel präsentiert wird. Darüber hinaus bietet das Impressum einen detaillierten Werk- und Bildnachweis. Im einzelnen umfaßt die CD-ROM folgende Bestandteile: (1) Die in der Reihe rororo-Monographien erschienene Darstellung »Die Weiße Rose« von Harald Steffahn, die den Benutzern die Basisinformation über die Widerstandsbewegung liefern soll. Steffahns Monographie umfaßt Artikel zu den Oberthemen »Kriegswende«, »Jugend im Hitler-Reich«, »Die Weiße Rose« und »Vor dem Volksgerichtshof«. Ein umfangreicher Anhang enthält u.a. die Flugblätter der Widerstandsgruppe, eine Tafel mit biographischen Daten sowie ein Quellen- und Literaturverzeichnis. (2) Den von der »Weiße Rose Stiftung« herausgegebenen Katalog zur Ausstellung »Die Weiße Rose« – Über den Widerstand von Studenten gegen Hitler in München 1942/43. Dieser zeichnet sich durch relativ kurze Texte und Photos aus, die über die Entstehung und die Aktionen der Widerstandsgruppe informieren, aber beispielsweise auch Hintergrundwissen über Jugendbewegung und Jugendopposition im NS liefern. Zentraler Bestandteil des Katalogs sind biographische Texte über Mitglieder der Weißen Rose, die jeweils ergänzt werden durch Zeitzeugenaussagen. Auch im Katalog werden die Flugblätter vorgestellt, ebenfalls wird über die Prozesse berichtet. (3) Der bis dahin unveröffentlichte Aufsatz »Auch in der Tat Gesinnung zeigen« der Münchner Historiker Michael C. Schneider und Winfried Süß, verarbeitet bislang nocht nicht erschlossenes Material. (4) Eine Faksimile-Reproduktion von Graf Aufzeichnungen. Dabei handelt es sich um Auszüge aus Willi Grafs Liederbuch und aus seinem Tagebuch von 1933 sowie von 1942/43, letzteres wird ergänzt durch ein Interview mit Anneliese Knoop-Graf, das als Hörbeispiel dargeboten wird. (5) Briefe von Alexander Schmorell, ebenfalls als Faksimile-Reproduktion, dankenswerterweise ergänzt durch eine Transkription. (6) Das von Ulrich Chaussy für den Bayerischen Rundfunk inszenierte Hörbild Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten. Im Booklet wird das Hörbild als »multimediales Ereignis« herausgestrichen. Über diese Einschätzung ließe sich streiten. Ist der Button für das Hörbild gedrückt, so läuft die szenische Lesung automatisch ab, wobei das Skript im rechten Drittel des Bildschirms mitgelesen werden kann. Im anderen Teil des Bildschirms werden Photos und Dokumente gezeigt, teils einzeln, teils als Collage aufbereitet. Leider werden in einigen Fällen Photos für mehrere Textseiten benutzt, so daß eine neue Seite optisch nicht immer hervorsticht. Der Ablauf der Lesung kann jederzeit unterbrochen und die Illustrationen können auch ausgeblendet werden. Selbst Querverweise auf inhaltliche Bezugspunkte im selben oder in einem anderen Bereich der CD-ROM sind vorhanden. Sie müssen allerdings extra aufgerufen werden. (7) Gespräche mit verschiedenen Mitgliedern des Weiße-Rose-Kreises, darunter Marie Luise Jahn, Annliese Knoop-Graf, Franz J. Müller und Erich Schmorell. (8) Darüber hinaus steht ein Glossar zum Nationalsozialismus zur Verfügung, das Auszüge aus dem Rowohlt-Lexikon Nationalsozialismus enthält. Die Auswahl der Einträge orientiert sich weitestgehend an zeitgenössischen Begriffen wie Alte Kämpfer, Anschluß Österreichs, Bauten des Führers, Blockwart, Blutfahne, Drittes Reich, Endsieg, Rassenschande oder Volksgemeinschaft, die in den einzelnen Texten der CD-ROM erwähnt sind. Darüber hinaus verfügt die CD-ROM über die Möglichkeit der Volltextrecherche und über eine Notizfunktion.

Der CD-ROM vorangestellt ist das Fichte-Zitat »Und handeln sollst du so, als hinge von dir und deinem Tun allein das Schicksal ab der deutschen Dinge, und die Verantwortung wäre dein.« Hier, wie auch bei einigen Formulierungen in den verschiedenen Texten, klingt ein gewisser nationaler ›Tonfall‹ an, der sinnvoll erscheinen mag, um die Einstellung der Gruppenmitglieder in ihrer Zeit zu beschreiben. Diese Absicht hätte m.E. allerdings klarer herausgestellt werden müssen. Zuweilen werden auch zeitgenössische Begriffe wie »Kristallnacht« oder »rassisch« nicht deutlich genug als solche kenntlich gemacht. An einigen Stellen vermisse ich beispielsweise auch eine Distanzierung vom Begriff »Rasse«. Eine größere Einheitlichkeit und Eindeutigkeit in den benutzten Begriffen wäre wünschenswert und würde Probleme dieser Art vermeiden.

Als Resümee bleibt festzuhalten, daß die CD-ROM »Die Weiße Rose« über eine erhebliche Text- und Quellenfülle verfügt. Wer sich für diese Widerstandsgruppe interessiert, findet hier reichlich Informationen über Entstehung und Arbeit sowie die einzelnen Mitglieder der Gruppe, angereichert mit historischen Hintergrundinformationen. Die CD-ROM richtet sich an historisch Interessierte. Geschichtliches Vorwissen über den Nationalsozialismus ist dabei nicht notwendig. Ob allerdings Jugendliche von der etwas biederen Aufmachung und der wenig originellen optischen und konzeptionellen Umsetzung angesprochen werden, darf bezweifelt werden. Werden Bücher und Texte lediglich digitalisiert und nebeneinander auf eine CD-ROM gepreßt, bleiben die besonderen Möglichkeiten des Mediums ungenutzt. Was im Booklet als Vorzug beschrieben wird, daß in dieser CD-ROM gelesen werden könne wie in einem Buch, ist wohl eher ein Nachteil. Das besondere einer CD-ROM besteht gerade darin, daß die lineare Struktur des Buchs durchbrochen ist und sie eben nicht wie ein Buch gelesen und erschlossen wird.

Titel: 1.) Der 2. Weltkrieg und 2.) 1933–1945

Reihe: Das 20. Jahrhundert. Eine interaktive Reise durch die Zeit

Erscheinungsjahr: 1996

Gesamtkonzept: Jörg Köberling und Armin Hopp

Produktionsleitung: Arne Schäpers

Redaktionsleitung:  Armin Hopp

Verlag: Digital Publishing

Preis: jeweils DM 69,—

Systemvoraussetzungen: MS-Windows 3.x oder Windows 95;

Bildschirmauflösung 800 x 600 Punkte bei 256 Farben; Soundkarte; 4 MB RAM. Wird Windows 95 benutzt, startet das Programm automatisch.

Die beiden CD-ROM »Der 2. Weltkrieg« und »1933–1945« erschienen 1996 bei Digital Publishing in München in der Reihe »Das 20. Jahrhundert. Eine interaktive Reise durch die Zeit«. In dieser Reihe liegen bereits drei weitere CD-ROMs zur jüngeren Geschichte vor, nämlich »1890–1933. Aufbruch in das 20. Jahrhundert«, »1945–1968. Kalter Krieg und Wiederaufbau« und »1968–1996. Vom Kalten Krieg zum Fall der Mauer«. Im Katalog 1997/98 von Digital Publishing werden diese Titel allerdings nicht mehr geführt, ebensowenig wie die CD-ROM »1933–1945«. Die aktuellen Titel heißen nun »Retrospect«, »Wissenschaft und Technik« und »Kriege, Krisen, Katastrophen«, »Die Geschichte der Deutschen 1871–1998« und »Der Zweite Weltkrieg«.

Bei der CD-ROM »Der 2. Weltkrieg« handelt es sich um eine interaktive Dokumentation. Sie versteht sich als multimediale Gesamtdarstellung aller zeitgeschichtlich relevanten Ereignisse zwischen 1939 und 1945. Geworben wird dabei mit dem Slogan »die ganze Welt per Mausklick«.

Ist die CD-ROM aufgerufen, erscheint das Hauptmenü in der Form einer stilisierten Weltkarte. Dem Benutzer stehen nun verschiedene Suchmöglichkeiten zur Verfügung. Zum einen kann er sich für einen bestimmten Kontinent entscheiden, blinkt dann an einer Stelle des gewählten Kontinents zusätzlich ein Stern auf, so kann auch diese Region aufgerufen werden. Wichtige Ereignisse werden dabei durch einen Button angezeigt. Am rechten Bildschirmrand befinden sich u.a. eine sogenannte Zeitmachine und das Symbol für eine Personenliste. Diese enthält die Namen wichtiger in der Regel politischer Persönlichkeiten. Stellt man auf der Zeitmaschine ein bestimmtes Jahr oder einen bestimmten Zeitraum ein und wählt darüber hinaus aus der besagten Liste eine Persönlichkeit aus oder klickt auf ein Ländersymbol, so werden jene Ereignisse aufgeführt, die in dem betreffenden Jahr mit der ausgewählten Persönlichkeit bzw. dem ausgewählten Land in Zusammenhang stehen.

Weniger spielerisch aber dafür um so effektiver geht es zu, wenn man sich der speziellen Suchfunktion der CD-ROM bedient. Diese ermöglicht eine Volltextrecherche der über 2000 Bildschirmseiten umfassenden Dokumentation nach Personen, Orten und Ereignissen. Alle Einträge, die natürlich theoretisch auch über den zuerst genannten Suchweg abrufbar sind, sind übersichtlich lay-outet und auf ca. ein bis zwei Bildschirmseiten begrenzt. Der Text wird durch Photomaterial oder zum Teil auch durch Film- oder Tondokumente ergänzt. Insgesamt wurden in die CD-ROM mehr als 40 authentische Filmausschnitte und über 1200 Abbildungen aufgenommen. Darüber hinaus enthält jeder Eintrag eine Reihe von Querverweisen, die zu weiteren Informationen führen. Auf diese Weise können Zusammenhänge zwischen historischen Personen, Ereignissen und geographischen Zuordnungen erkundet werden.

Für das uns interessierende Themengebiet »Konzentrationslager« liefert die Suchfunktion beispielsweise annähernd 40 Einträge von relevanten Ereignissen. Der zuerst genannte Eintrag bezieht sich auf die Errichtung des Lagers Dachau im März 1933. Zusätzlich enthält er als Hörbeispiel einen Ausschnitt aus einer Rede von Propagandaminister Joseph Goebbels. Im Text befinden sich acht Querverweise (u.a. Hitler; Konzentrationslager; KZ Dachau; Kommunisten und Sozialdemokraten, »Schutzhaftgefangene«), die zu weiteren auf Personen oder Ereignisse bezogene Einträge führen. Wird beispielsweise das Wort Konzentrationslager angeklickt, so erscheint ein Eintrag, der sich über die eben beschriebene Bildschirmseite legt und diese zu einem Teil abdeckt. Er informiert überblicksartig über Entwicklung, Funktion, Alltag im Lager und über Opfergruppen. Auch dieser Text enthält weitere Querverweise, insgesamt 18 Begriffe (u.a. Sinti und Roma; menschenunwürdige Bedingungen; SS; Eroberung Polens; »Endlösung der Judenfrage«; KZ Auschwitz; Gaskammern). Folgt man dem Angebot der Querverweise, so werden weitere Einträge angezeigt, die wiederum ihrerseits eine Reihe thematisch begründeter Querverweise enthalten.

Die Benutzung dieses Werkes wird also dann erfolgreich sein, wenn eine konkrete Frage beantwortet werden soll, wenn ein bestimmter Suchauftrag erteilt werden kann. Da der Inhalt der CD-ROM, abgesehen von der Einteilung nach Kontinenten und teilweise Ländergruppen, keine Gliederungen aufweist, ist es aus diesem Grunde leicht möglich, sich in der Vielzahl der Einträge und Querverweise ein wenig zu ›verirren‹.

Die CD-ROM »1933–1945« ist nach dem gleichen Prinzip konzipiert wie die CD-ROM »Der Zweite Weltkrieg«. Auch hier erscheint nach dem Aufrufen das Hauptmenü in der Form einer stilisierten Weltkarte und dem Benutzer werden die oben beschriebenen Navigations- und Suchmöglichkeiten offeriert. Da sich die Zeiträume der beiden Dokumentationen überschneiden, verwundert es auch nicht, daß viele Einträge identisch sind. Beide Werke vermitteln durch Weltkarte und Globus den Eindruck, Weltgeschichte zu präsentieren, doch ihre thematischen Schwerpunkte liegen eindeutig in der europäischen, um nicht zu sagen deutschen Geschichte.

Die CD-ROMs »Der Zweite Weltkrieg« und »1933–1945« verfügen über ein umfassendes und obendrein differenziertes Informationsangebot. Wer sich über ein historisches Problem aus dem angegebenen Zeitraum informieren möchte, findet in beiden CD-ROMs eine leicht zu bedienende Nachschlagmöglichkeit. Die Einträge bestehen wie bereits erwähnt aus kurzen Texten, die gut lesbar sind und nach meinem Eindruck historische Kompetenz zeigen. Sie können zudem mit einem einfachen Mausklick auch ausgedruckt werden. Im besonderen wird der positive Gesamteindruck der CD-ROM »Der Zweite Weltkrieg« abgerundet durch eine gelungene Einführung ins Thema. Schade ist allerdings, daß beide Werke über keinerlei Register verfügen. Die Reihe »Das 20. Jahrhundert« wird vom Verlag als Geschichtslexikon angekündigt; eine Funktion, die die hier besprochenen CD-ROMs vollauf erfüllen.

Titel: Erlebnis Geschichte. Deutschland seit 1945

Erarbeitet vom Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn und dem Ernst Klett Verlag, Stuttgart

Redaktion: Dr. Hans Walter Hütter

Produktion: TC-Studios (Screendesign und Programmierung)

Erscheinungsjahr: 1997

Verlag: Heureka Klett

Preis: DM 128,—

Systemvoraussetzungen: 486-DX2 66 PC oder schneller; MS Windows 3.1x oder Windows 95; 8 MB Arbeitsspeicher oder mehr; mindestens 10 MB freier Speicher auf der Festplatte; Double-Speed CD-ROM Laufwerk oder schneller;

14 Zoll-Monitor mit VGA-Grafikkarte (256 Farben);

Soundkarte (Soundblaster kompatibel) mit Lautsprechern

Wer die mediale Präsentation im Bonner Haus der Geschichte kennt, wird kaum darüber verwundert sein, daß dieses Museum mit Vorzeigefunktion nun auch mit einer eigenen CD-ROM aufwartet. Nur wenige Museen in der Bundesrepublik bieten ihren Besuchern eine so komplex gestaltete Erlebniswelt an, kaum ein anderes Haus vermittelt eine solche Intensität an optischen wie akustischen Eindrücken. Gibt es also nun diese Erlebniswelt quasi in digitalisierter Form für den heimischen PC?

In der Tat, so ist aus der Begleitinformation zu erfahren, orientiert sich die CD-ROM »Deutschland seit 1945« an der Dauerausstellung des Hauses der Geschichte in Bonn. Weiter heißt es dort: »Diese CD-ROM will die Begegnung mit den mehr als fünf Jahrzehnten der deutschen Geschichte nach 1945 zu einem Erlebnis machen – für alle, die sich für die Zeit ihrer Eltern oder Großeltern interessieren. Filme und Originaltonaufnahmen, Fotos, Dokumente und viele andere Materialien werden diese Zeit ›zum Sprechen bringen‹«.

Ist die CD-ROM aufgerufen, erscheint nach dem Eröffnungsbildschirm am unteren Rand des Monitors eine Zeitleiste und darüber die collageartig gestaltete sogenannte Zeitlandschaft. Diese gliedert den Inhalt des Werkes und ermöglicht so dem Benutzer einfache Orientierung. Die 50 Jahre Nachkriegsgeschichte werden in fünf Phasen (1945–49 Nachkriegsjahre; 1949–1955 Aufbau Ost und West; 1955–1963 Ära Adenauer und Entwicklung der DDR; 1963–1974 Kontinuität und Wandel; 1974–1995 Neue Herausforderungen) unterteilt, die wiederum aus jeweils sechs bis 14 Themen bestehen. Insgesamt werden in der CD-ROM 46 Themen behandelt. Auf der Zeitlandschaft im großen Bildausschnitt werden immer nur die Themen von ca. fünf Jahren sichtbar. Wird eine Überschrift angeklickt, so werden die entsprechenden Unterthemen angezeigt. Geht man mit dem Cursor an den Bildschirmrand, bewegt sich die Zeitlandschaft. Um schnell in eine anderes Thema zu gelangen, kann auch die Zeitleiste am unteren Bildrand benutzt werden.

Die einzelnen Einträge sind abwechselungsreich und auf das Thema bezogen gestaltet und werden in Abbildungen unterschiedlichster Art, Fotos oder beispielsweise Reproduktionen von Zeitungen, Plakaten oder Büchern sowie kurzen, in der Regel aus lediglich vier oder fünf Sätzen bestehenden Texten präsentiert. Bei den meisten Abbildungen handelt es sich um Info-Elemente, die angeklickt werden können, sich dann vergrößern oder gar historische Ton- oder Filmdokumente freigeben. Die Einträge verfügen darüber hinaus über eine Reihe farbig markierter Hyperlinks, die ihrerseits Informationen enthalten oder mit anderen Themen auf der Zeitleiste verknüpft sind.

Unter der Überschrift »Last der Vergangenheit« wird auf der CD-ROM auch der Nationalsozialismus thematisiert. Vier Aspekte werden dabei herausgegriffen: NS-Verbrechen, NS-Diktatur, Widerstand und Entnazifizierung. Über die NS-Verbrechen informiert der folgende kurze Text: »Vergiftet, erschossen, vergast, durch Zwangsarbeit ermordet – Millionen werden Opfer des ›Dritten Reiches‹. Politisch und rassisch Verfolgte, vor allem Juden, Menschen aus der Sowjetunion und Polen, Sinti und Roma, Homosexuelle, psychisch Kranke – zahllose Willküropfer werden ermordet.« Darüber hinaus kann ein Dokument über erfolgte Exekutionen von Juden, Kommunisten, Partisanen und »Geisteskranken« und ein Ausschnitt aus dem Film »Todesmühlen« aufgerufen werden. Die NS-Diktatur wird durch einen sechszeiligen Text skizziert. Zur Illustration dient eine kurze Slide-Show, die u.a. folgende Motive zeigt: Bücherverbrennung, eine brennendende Synagoge, das Tor sowie die Rampe von Birkenau, Leichenhaufen, Tod im Stacheldraht, Befreiung durch alliierte Truppen. Mit einem anschließenden Mausklick kann ein kurzer Film bestehend aus Ausschnitten von Führerreden und anderen zeitgenössischen Filmdokumenten abgerufen werden.

Auch die Aufbereitung des Themas »Widerstand« – untertitelt mit der Zeile »Aufstand des Gewissens« – weist einen ähnlichen Umfang auf wie die Darstellung der zuvor beschriebenen Themen. Der Text ist wie gewohnt kurz gehalten und setzt inhaltlich einen deutlichen Schwerpunkt: »Einzelne Deutsche leisteten aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus. In den ersten Jahren überwiegt der organisierte Widerstand von KPD und SPD.« Und auf der folgenden Seite ist zu lesen: »Ab 1938 bildet sich schrittweise die Widerstandsbewegung des 20. Juli 1944, in der sich Menschen unterschiedlichster Herkunft, militärische und bürgerliche Berufe, freie und christliche Gewerkschaften, Angehörige der christlichen Konfessionen und Wehrmachtsoffiziere zusammenschließen. Das Attentat auf Hitler scheitert.« Dazu können verschiedene Info-Buttons angeklickt werden. Zwei enthalten Flugblätter, eines von der »Weißen Rose« und eines der Alliierten, das über diese Gruppe informiert. Das Wort KPD ist farbig markiert, einmal angeklickt erscheint die Titelseite der Parteizeitung »Die rote Fahne«, einzig lesbar für den Betrachter ist die Titelzeile des Leitartikels. Auch die Worte Gewerkschafter und Wehrmachtsoffiziere sind als Info-Element gestaltet, werden sie angeklickt, wird ein Foto von Wilhelm Leuschner bzw. eines von Graf Stauffenberg sichtbar.

Die CD-ROM ist der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und der DDR gewidmet. Dabei bleibt der Alltag der Menschen keineswegs ausgespart. Es werden verschiedene Aspekte des kulturellen wie des politischen und wirtschaftlichen Lebens behandelt, so wird die Rolle der Frau in der Gesellschaft ebenso thematisiert wie die Entwicklung neuer sozialer Bewegungen in den achtziger Jahren. Auch die Zeit des NS wird nicht ausgeklammert und ebenfalls nicht die Auseinandersetzung um den NS. Insgesamt wird dem Benutzer ein Kaleidoskop unterschiedlichster Themen offeriert. Die gestalterische und funktionale Aufbereitung ist dem Mediun angemessen. Leider fallen die präsentierten Ton- und Filmdokumente etwas knapp aus. Die Grenzen der Speicherkapazität des Mediums werden hier sichtbar. Ähnlich einer Illustrierten verführt die CD-ROM zum ´Blättern´. Dies liegt wohl durchaus in der Absicht ihrer Macher. »Geschichte darf Spaß machen!«, so erfahren wir aus der schon genannten Begleitinformation. »Auf der Basis neuester Technologien bietet diese CD-ROM einen lebendigen Zugang zur deutschen Geschichte seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Erlebnis- und Unterhaltungswert, die Lebendigkeit der Darstellung stehen im Mittelpunkt dieses Mediums.«

Mögen in diesem Punkt die Ansprüche der Autoren eingelöst sein, in einem anderen sind sie es nicht unbedingt. »Jeder muß sich seine eigenen Urteile über die Zeit bilden, denn Geschichte«, auch dies ist der Begleitinformation zu entnehmen, »kann immer aus unterschiedlichen Perspektiven bewertet werden.« Kurze Texte entsprechen dem Medium. Allerdings bergen sie die Gefahr, daß die beschriebenen Vorgänge allzusehr verkürzt dargestellt sind. Die sie ergänzenden verschiedenen Dokumente können dieses Problem nicht in jedem Fall lösen helfen. Die Notwendigkeit der Auswahl, bedeutet gleichzeitig eine Wertung der geschichtlichen Ereignisse. In einigen Fällen ist der Informationsgehalt der Texte fragwürdig. Was beispielsweise sagt einem historischen Laien der folgende, auf die Auschwitz-Prozesse bezogene Satz: »Diese großen Prozesse der 60er Jahre sowie die Bundestagsdebatten zur Verjährung von Völkermord zeigen Aufgaben und Grenzen der Justiz in der Aufarbeitung mit der NS-Vergangenheit.« Verkürzende Darstellungen finden sich an verschiedenen Stellen. So auch beim Thema »neuer Rechtsextremismus« in den sechziger Jahren: »Mit der Wahl demokratischer Parteien, auch mit Protestaktionen und Demonstrationen, wehrt sich die Mehrheit der Deutschen dagegen.«

Die CD-ROM »Erlebnis Geschichte. Deutschland seit 1945« ist eine gelungene multimediale Präsentation. Zu loben ist unter anderem ihre einfache Navigation, die ein Verirren erschwert, die gute Registerfunktion, die optische Gestaltung, im besonderen auch die zuweilen originelle Gestaltung der Info-Elemente. Erlebnis Geschichte ist eine »Illustrierte« der vergangenen fünf Jahrzehnte deutscher Geschichte, mit allerdings deutlichem Schwerpunkt auf Deutschland-West. Die inhaltliche Auseinandersetzung mag nicht immer überzeugen, genausowenig wie der üppige Preis.