Besprechungen von CD-ROM zum Themenkomplex Nationalsozialismus

12/1998Gedenkstättenrundbrief 86, S. 29-32
Dietmar Sedlaczek

Titel: Gegen das Vergessen. Eine Dokumentation des Holocaust

Ausführende Produzenten: Richard Schlirf und Dominique Prud’Homme

Herausgegeber: Endless interactive (Belgien)

Originaltexte: David Cesarini

Erscheinungsjahr: 1997 (für die deutsche Ausgabe)

Verlag: Navigo Multimedia

Minimale Systemvoraussetzungen: Windows 3.x: PC 486 SX 33Mhz; 8 MB RAM; VGA Monitor; Soundblasterkompatible Soundkarte; Double Speed CD-ROM-Laufwerk. Macintosh: 68030 Prozessor; System 7.O; 8 MB RAM

Wohl keine andere multimediale Aufbereitung eines zeitgeschichtlichen Themas hat so viel Aufmerksamkeit und Anerkennung erfahren wie die CD-ROM »Gegen das Vergessen«. Dabei bezieht sich das Lob auf sehr unterschiedliche Aspekte. Zum einen darauf, daß sich ein Verleger von Edutainment-CD-ROMs auf dieses von Verkaufsstrategen nicht unbedingt als »Renner« eingestuftes Werk eingelassen hat. Zum anderen gilt das Lob der inhaltlichen wie der technischen und ästhetischen Umsetzung des Themas. So wurde denn dieses Werk auch mit dem »Emma Award 1996« ausgezeichnet.

Bei der CD-ROM handelt es sich um die erste umfassende interaktive Dokumentation des Mordes an den europäischen Juden. Unter Rückgriff auf eine Reihe internationaler Archive wurden hier über 500 Fotos sowie über 30 Minuten Auszüge aus Propagandafilmen und Filmmaterial der Alliierten verarbeitet. Das Werk gliedert sich in drei Hauptkapitel – »Hitlerdeutschland«, »Der Holocaust« und »Nachwirkungen« –, die jeweils mit einem einleitenden Überblickskapitel versehen sind. Ihnen vorangestellt ist eine zusammenfassende Einführung in die Geschichte des Judentums. Die drei Hauptkapitel sind in eine Reihe weiterer Kapitel unterteilt, die ihrerseits eine Vielzahl von Unterkapiteln enthalten. Alles in allem gibt es 16 Kapitel mit insgesamt 44 Unterteilungen. So kann sich der Benutzer über die Weimarer Republik, den Aufstieg der Nationalsozialisten, die Stellung der Juden in der deutschen Gesellschaft, den Beginn der Verfolgung und die Einrichtung der ersten Konzentrationslager, aber auch über die Person Adolf Hitlers informieren, bevor er sich mit verschiedenen Aspekten des Holocaust und seinen Nachwirkungen ausführlich befaßt.

Der Aufbau der einzelnen Kapitel ist sehr übersichtlich. Auf der rechten Bildschirmseite erscheinen verschiedene Buttons, eines für den Text und weitere für Photos oder abrufbare Ton- und Filmsequenzen. Die jeweiligen Kapiteltexte sind von unterschiedlicher Länge, sie können lediglich zwei, aber auch ebensogut bis zu 22 Seiten umfassen. Unterstrichene Begriffe werden, einmal angeklickt, am linken Bildschirmrand in kurzen Sätzen erläutert. In andere Kapitel weisende Links gibt es nicht. Auf diese Weise wird das »Zappen« erschwert und der Benutzer kann sich nicht so leicht verirren. Auch das jeweils übergeordnete Kapitel verfügt über eine Zusammenfassung, die von einem Sprecher gelesen wird, zum Teil durch Filmsequenzen ergänzt, und die auf diese Weise gewisssermaßen Dokumentarfilmcharakter bekommt.

Darüber hinaus hält die CD-ROM weitere Informationsangebote bereit. So gibt es ein Glossar und ein Register, das zu Biographien führt. Wie bei den oben beschriebenen Kapiteln können auch in diesen zum Teil mehrseitigen Texten unterstrichene Begriffe per Mausklick aufgerufen werden, sodann erfolgt ihre Erläuterung am linken Bildschirmrand. Außerdem ist Kartenmaterial vorhanden, darunter Übersichtskarten über Konzentrationslager und Ghettos, geordnet nach Jahreszahlen, und eine Luftaufnahme von Auschwitz. Zwei Diagramme informieren über Ergebnisse verschiedener Reichstagswahlen, und Länderübersichten, kartographisch aufbereitet, geben Auskunft über die Zahl der ermordeten Juden im jeweiligen Land. Schließlich verfügt die CD-ROM auch über zwei Zeittafeln, auf der wichtige Ereignisse der Judenvernichtung bzw. vom Aufstieg und Untergang des NS-Staates verzeichnet sind.

Damit wären der Aufbau und das inhaltliche Gerüst der CD-ROM beschrieben, ein wesentliches Kennzeichen muß allerdings noch vorgestellt werden: die Ästhetik des Werkes. Vorherrschend sind dunkle Farbtöne, Grau, Anthrazit mit zum Teil braunen und grünen Nuancen. Das Oberflächendesign ist zudem extrem kontrastarm. Die Texte bestehen aus weißer Schreibmaschinenschrift auf schwarzem Grund, entsprechend schwer fällt zuweilen das Erschließen und Lesen der einzelnen Seiten. Die Anmutung ist geprägt von aufeinander abgestimmten akustischen, optischen und farblichen Gestaltungselementen, die eine eigenwillige Atmosphäre erzeugen.

Ein Beispiel: Im Hauptmenü sind die Überschriften der Hauptkapitel angegeben. Während im linken oberen Bildbereich eine Endlosschleife aneinandergeschnittener Sequenzen aus zeitgenössischem Filmmaterial läuft, werden bei Berührung der Überschriften mit dem Cursor unterschiedliche akustische und optische Elemente aktiviert, jeweils auf das Thema abgestimmt. Die Überschrift »Hitlerdeutschland« ist mit einem blassen Hakenkreuz unterlegt. Gleichzeitig hört man eine Kolonne im Gleichschritt marschieren, während beispielweise die Überschrift »Der Holocaust« mit einem »Judenstern« unterlegt und eine Geräuschcollage zu hören ist, die aus einem Gewirr von einer schreienden Stimme im Befehlston, Hundegebell und weiteren nur schwer zu identifizierenden Geräuschen besteht, die allesamt ein Gefühl äußerster Spannung und Bedrohung erzeugen. So ist der Nutzer ständig einer Geräusch- oder Musikkulisse ausgesetzt (die sich freilich auch ausblenden läßt). Gemeinsam mit der optischen und farblichen Gestaltung entsteht ein gleichermaßen feierlicher wie bedrohlicher Gesamteindruck; die Auseinandersetzung mit dem Holocaust bekommt auf diese Weise eine beinahe sakrale Komponente.

In der CD-ROM erfolgt eine sehr komplexe und ausführliche Beschäftigung mit dem Holocaust. Die Themen Propaganda, ›Reichskristallnacht‹, Rassengesetzgebung der Nazis, Arisierung, Wannseekonferenz, Einsatzgruppen, Euthanasie, Situation in den Ghettos, Ghetto-Aufstand in Warschau, jüdische Partisanen, ›Judenräte‹, Operation ›Barbarossa‹, Revolten in den Todeslagern, Reaktion der Engländer, Amerikaner und des Vatikan auf die Judenverfolgung, Rückkehr der Überlebenden, Aufdeckung und Ausmaß der Verbrechen, Verfolgung der Täter, Nürnberger-Prozesse werden behandelt, genauso die Bereiche Leugnung des Holocaust und Aufarbeitung des Holocaust.

Doch mit welcher Perspektive werden die Menschen, deren Geschichte Gegenstand des Werkes ist, dargestellt? Hier fällt auf, daß sehr häufig von den Juden geschrieben wird. Übersehen wird auf diese Weise, daß es sich um die Geschichte von Individuen handelt, mit je eigener (Lebens-)Geschichte und Persönlichkeit. Diese Kollektivvorstellung wird nur selten durchbrochen, dazu zwei Beispiele: 1) Bis ein neuaufgerufenes Kapitel erscheint, werden jeweils Häftlingsfotos eingeblendet. Gezeigt wird – wie bei einem Foto aus der Verbrecherkartei – das Portrait eines Häftlings, im Profil und Frontal, ohne Nennung des Namens oder gar weiterer biographischer Informationen. Das Individuum wird auf diese Weise zum Pausenbild herabgewürdigt. 2) Im Kapitel »Die Aufdeckung des Horrors« berichtet in einem Hörbeispiel eine Überlebende unmittelbar nach der Befreiung über die Situation im Lager. An dieser Stelle kommen gleichsam die Opfer zu Wort. Von Ausnahmen abgesehen erscheinen sie sonst in diesem Werk eher anonym und bleiben stumm, wohingegen beispielsweise die gröhlende Stimme Adolf Hitlers als Hintergrundkulisse in vielen Kapiteln zu hören ist. Wie in einem Alptraum gellt einem ständig derselbe Satz entgegen: »Der Deutsche mag den Juden nicht, der Jude den Deutschen nicht […]«.

Die CD-ROM nutzt die Möglichkeiten des Mediums gekonnt aus. Optische und akustische Elemente bilden eine Einheit, Inhalt und Form entsprechen einander. Ihre Texte sind von hohem Informationsgehalt und bieten Einblicke in vielfältige Aspekte des Themas. Zweifellos ist diese CD-ROM als eine Gesamtkomposition zu begreifen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob die sakrale Ästhetik des Werkes, die beim Benutzer ambivalente Reaktionen hervorruft – in einem Fall Betroffenheit, im anderen Distanz – eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust erleichtert oder eher erschwert. Ein stärker lebensgeschichtlich orientierter Ansatz hätte darüber hinaus als Bereicherung gewirkt, auch im Hinblick auf das verwendete Fotomaterial, und hätte zudem der anonymen Menge der Opfer eine Stimme gegeben und somit die Geschichte personalisiert.

Titel: Widerstand und Verfolgung im III. Reich

Reihe: Meilensteine des 20. Jahrhunderts

Redaktion: Christian Kaschub, Georg Happe, Ursula Saekel, Christoph Fuchs, Ewald Tange

Erscheinungsjahr: 1998

Verlag: Digital Publishing

Preis: 39,80 DM

Systemvoraussetzungen: Microsoft Windows 3.x oder höher; 8 MB RAM;

Windows-kompatible Soundkarte; Bildschirmauflösung 800 x 600 bei 256 Farben

Die CD-ROM »Verfolgung und Widerstand im III. Reich« erscheint im Münchner Digital Publishing Verlag in der Reihe Meilensteine des 20. Jahrhunderts, in der eine Zahl weiterer zeitgeschichtlicher Werke angeboten wird, so eines zum Fall der Mauer und gleich sechs von Guido Knopp zur Person Adolf Hitlers. Die CD-ROMs dieser Reihe verbindet nicht nur eine ähnliche Gestaltung und Gliederung, sondern auch ein günstiger Preis.

Der Aufbau der CD-ROM ist sehr übersichtlich. Auf einer sogenannten Zeitleiste werden 22 Kapitel angeboten, die per Mausklick aufgerufen werden können. Darunter befinden sich Kapitel zum Reichstagsbrand, zur Errichtung der ersten Konzentrationslager, zu Bücherverbrennung und Gleichschaltungspolitik sowie zu den Nürnberger Rassengesetzen. Die übrigen Kapitel widmen sich neben dem Massenmord an den europäischen Juden und dem Vernichtungskrieg im wesentlichen verschiedenen Aspekten der Themen Verfolgung und Widerstand. In die Kapitel führt jeweils ein Sprecher ein, dessen Text mit Sequenzen zeitgenössischer Filmaufnahmen oder historischem Fotomaterial ergänzt wird. Eine Kurzform dieses Textes kann der Benutzer auch selbst lesen. Geht man dann mit dem Cursor auf unterstrichene Begriffe, so werden Verweise auf weiterführende Texte oder Hintergrundinformationen sichtbar, die auch unmittelbar aufgerufen werden können. Hier verbirgt sich die eigentliche Materialfülle des Werkes.

Zur Einführung in die CD-ROM dienen verschiedene guided tours, eine allgemeine und jeweils eine zu den Themen »Widerstand in Deutschland«, »Gegen den Krieg« und »Judenverfolgung und Holocaust«. Auch diese CD-ROM verfügt über umfassende Zusatzangebote, so über verschiedene Suchfunktionen, eine allgemeine, eine für das Glossar und für das Personenregister und eine für das sogenannte Archiv, in dem Text-, Ton- und Filmdokumente enthalten sind. Darüber hinaus können Texte auch ausgedruckt und kopiert werden, letzteres ist mir allerdings nicht gelungen. Schließlich existiert sogar eine kurze Vorschau auf andere Werke der Reihe.

Anders als bei der CD-ROM »Gegen das Vergessen« ist hier die Ästhetik sehr viel schlichter und zurückhaltender. Auf eine akustische Hintergrundkulisse wurde beispielsweise gänzlich verzichtet (abgesehen vom Eröffnungsbildschirm), genauso wie auf eine collageartige Gestaltung der Seiten bzw. des Hintergrundes. Die einzelnen Texte sind relativ kurz und umfassen in der Regel eine bis drei Seiten.

Der inhaltliche Schwerpunkt der CD-ROM liegt im wesentlichen in der Beschäftigung mit den bekannten Trägern des militärischen, kirchlichen und politischen Widerstandes. Die Kapitel auf der Zeitleiste sind der französischen Résistance gewidmet, den Attentatsversuchen auf Hitler, der Arbeit der ›Roten Kapelle‹ und den Protagonisten der ›Weißen Rose‹, aber auch dem Partisanenkampf und dem Aufstand im Ghetto. Im Vordergrund stehen also die allseits bekannten Gruppen und Persönlichkeiten. Zu kurz kommen auf diese Weise weniger spektakuläre Widerstandshandlungen und im öffentlichen Bewußtsein weniger präsente Personen und Gruppen. So ist dem Thema »Widerstand und Verweigerung im Alltag« lediglich ein kurzer Text gewidmet. Das Thema »Desertion« bleibt beispielsweise gänzlich ausgeblendet. Eine Ausnahme stellen in diesem Zusammenhang Dokumente über die Verfolgung der Swing-Jugend dar.

Hier, wie auch in einigen anderen CD-ROMs zum Themenkreis Nationalsozialismus, fällt auf, daß die Täter – dank der reichlich vorhandenen Mitschnitte ihrer Ansprachen und Reden – wortgewaltig an unser Ohr dringen können, hingegen die Opfer eigenartig stumm bleiben. Eine multimediale Präsentation besticht durch die Verknüpfung verschiedener Medien. Die vorhandene Quellenlage und die Möglichkeiten des Mediums verhindern in vielen Werken eine angemessene Berücksichtigung – damit meine ich ein im wörtlichen Sinne Zuwortkommenlassen – der (bekannten wie der weniger bekannten) Akteure des Widerstands und der Opfer von Verfolgung und KZ-Haft. Hinzu kommt, daß sich die meisten dieser Werke keinem alltagsgeschichtlichen Ansatz verpflichtet fühlen und somit eine Perspektive, die sich an den Handlungsspielräumen und Nöten der Bevölkerung und damit unterschiedlicher gesellschaftlicher wie politischer Gruppen orientiert, zuwenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Fragen beispielweise, wie die jüdischen Bürger Ausgrenzung und Verfolgung erlebten, wie Nachbarn und Kollegen reagierten und in welcher Weise sie vielleicht sogar am Prozeß der sogenannten Arisierung beteiligt waren, finden in ihnen kaum Beachtung.