Am 19. Juni 2014 wurde in Hameln in Anwesenheit zahlreicher Gäste aus den Niederlanden die Ausstellung »Schritte zur Erinnerung nach 70 Jahren – NS-Verfolgte aus den Benelux-Ländern im Zuchthaus Hameln 1942–1945« eröffnet. Die Ausstellung ist Teil und Abschluss eines größeren Erinnerungsprojektes, das u.a. mehrere Interviewreisen nach Holland, Belgien und Luxemburg, die Einladung eines ehemaligen Zuchthaushäftlings aus den Niederlanden nach Hameln und ein Schulprojekt zum Gräberfeld der Zuchthausopfer auf dem Hamelner Friedhof umfasst. Das Projekt ist ohne seine Vorgeschichte nicht zu begreifen.
Am 1. November 1935 wurde das Hamelner Gefängnis in ein Zuchthaus umgewandelt.[1] Die Dauer der Strafen, welche die nationalsozialistische Justiz verhängte, hatte sich außerordentlich verlängert. Vor allem hatte sich die Zahl verurteilter »Politischer« drastisch erhöht. Zuchthaushäftlinge aus anderen preußischen Anstalten zogen in Hameln ein. Nach dem Stand vom 1. Mai 1938 betrug die Zahl der Haftplätze 532 Männer[2], später lag sie bei 650. Besonders in den letzten Jahren des Krieges war die Anstalt oft total überbelegt. Hameln diente als Auffang- und Durchgangsstation, wenn im Westen liegende Zuchthäuser wegen des Näherrückens der Front geräumt wurden.
Ein Überblick über den Wandel in der Zusammensetzung der knapp 10 000 Häftlinge, die Hameln in der NS-Zeit durchlaufen haben, ergibt folgendes Bild:
Bis 1939 dominierten die »Politischen« mit nahezu 80 Prozent.
Nach Kriegsbeginn traten die sog. »Kriegstäter« hinzu, also Männer, die gegen eine der »Kriegssonderstrafrechtsverordnungen« verstoßen hatten.
Seit 1942 wuchs der Anteil der ausländischen Häftlinge aus westeuropäischen Ländern allmählich auf über 20 Prozent an (rund 2000 Männer).
Wenige Hundert der Insassen waren jeweils Juden und Homosexuelle. Ihr Schicksal war von besonderer Härte, weil sie wie viele der »Politischen« nach Verbüßung der Haft in der Regel der Gestapo zur Überführung in ein KZ übergeben wurden. Kriminelle Häftlinge waren in der Minderheit. Für Schwer(st)kriminelle war seit alters her in der »Provinz Hannover« das Zuchthaus Celle zuständig.
Nach Kriegsbeginn verschlechterten sich die Arbeits- und Unterbringungsbedingungen extrem. Strafgefangene wurden in der Rüstungsproduktion eingesetzt. Bei zu geringer Arbeitsleistung gab es drastische Strafen wie Essensentzug, Absonderung oder Dunkelhaft. Ab Sommer 1944 nahmen die an- und abgehenden Transporte an Anzahl und Größe (bis zu 370 Männer) erheblich zu. Sie kamen aus den durch das Vorrücken der Alliierten »bedrohten« Haftanstalten vor allem Westdeutschlands und brachten überwiegend ausländische Häftlinge, die das Regime nicht in die Hände des Feindes fallen lassen wollte.
Obwohl Hameln für viele Häftlinge nur eine Zwischenstation war und mit der Schaffung des Außenlagers Holzen, 40 km südöstlich von Hameln, sich im August 1944 die Zahl der Haftplätze verdoppelt hat, wuchs die Anzahl der Insassen am Standort Hameln kontinuierlich auf 1 229 Insassen im März 1945 an. Ab Ende 1944 ließen fehlende Heizung, mangelnde Ernährung, Auftreten von Seuchen und Zusammenbruch der medizinischen Versorgung den Aufenthalt im Zuchthaus zur Qual werden.
Seit Oktober 1944 stieg die Zahl der Verstorbenen erheblich an und erreichte im März/April 1945 mit 105 Toten einen dramatischen Höchststand. Insgesamt kamen im Zuchthaus Hameln 349 Häftlinge ums Leben, weitere 36 in den Außenlagern und Ungezählte auf vier Todesmärschen. Ab März 1945 wurden die aus Hameln abgehenden Transporte zu »Todesmärschen«. Drei führten zum Zuchthaus Dreibergen in Mecklenburg, der letzte am 5. April 1945 – da standen die US-Truppen vor Hameln – zum Zuchthausaußenlager Holzen.
Einer dieser Märsche irrte vom 3. bis 13. April 1945 – elf schreckliche Tage – durch Mitteldeutschland. 228 Gefangene des über 400 Männer umfassenden Transportes wurden nach Angaben des Luxemburger Marschteilnehmers Richard Schaack am 3. Mai in Dreibergen durch die Rote Armee befreit. Die Zahl der Toten dürfte bei bis zu 200 Männern gelegen haben.[3]
Welche Rolle spielte der Ort im Gedächtnis dieser Stadt? Gemeinhin galt er als Ort für Kriminelle und nicht als NS-Verfolgungsstätte. So verwundert es nicht, dass das Gräberfeld der Zuchthaustoten, das Ende 1944 ganz am Rande des städtischen Friedhofs Am Wehl angelegt worden war, nach Ablauf der Liegefrist 1976 von der Friedhofsverwaltung beseitigt wurde. Über die Einebnung hat es damals in Hameln keine öffentliche Diskussion gegeben. Auch ein Gedenkstein ist nie errichtet worden. Nach dem Kriegsgräbergesetz hätten die Gräber erhalten werden müssen, da die Bestatteten Anspruch auf ewiges Ruherecht hatten.
Nach dem Auszug der Jugendstrafanstalt, die 1958 bis 1980 in den alten Mauern bestand, wurde 1986 ein Großteil der Gefängnisgebäude abgerissen und die Fläche neu gestaltet. Im unter Denkmalschutz stehenden ältesten Gebäudebestand etablierte sich 1993 das Viersternehotel »Stadt Hameln«.
Lange erinnerte an diesem Gebäude nichts an die Vergangenheit des Ortes. Überlebende Häftlinge, aber auch Angehörige von Opfern fanden sowohl am Ort des Zuchthauses wie auf dem Friedhof alle Spuren getilgt. Wohin sollte jemand gehen, der hier gedenken und trauern wollte?
Die historische Aufarbeitung des Themas begann in Gestalt mehrerer Vorträge des Verfassers Ende der 1990er-Jahre, als noch einige Zeitzeugen, insbesondere ehemalige Häftlinge, lebten. Von Beginn an war es das Ziel des Verfassers, persönliche Kontakte zu ehemaligen Gefangenen aufzubauen. Der erste wurde 2000 mit dem Belgier Gustave Vandepitte geknüpft, der am Todesmarsch nach Dreibergen hatte teilnehmen müssen. Dadurch angeregt, legte Gustave Vandepitte ein Verzeichnis der westeuropäischen Gefangenen des Zuchthauses Hameln an. Im Juni 2001 stand er in seinem Heimatort Oostnieuwkerke zu einem Interview bereit.[4] Ohne seine Vorarbeit wäre dieses Erinnerungsprojekt schwieriger zu realisieren gewesen.
Eine erste Ausstellung zum Thema »Das Zuchthaus Hameln in der NS-Zeit«[5] konnte 2004 im Amtsgericht Hameln gezeigt werden. Bei der Eröffnung waren Angehörige von Opfern aus den Niederlanden anwesend.
In den Folgejahren kamen mehr und mehr Kontakte zu ehemaligen Gefangenen oder deren Nachkommen und zu Angehörigen der Opfer[6] zustande, insbesondere zu solchen aus den Benelux-Ländern. Dort ist das Bewusstsein, dass es sich bei Häftlingen von NS-Zuchthäusern um Opfer des NS-Regimes handelt, weit ausgeprägter als in Deutschland, wo eine unbefangene, nicht schambesetzte Annäherung an das Thema bis heute nicht oder nur schwer möglich ist.
Dem Zweiten Weltkrieg bzw. der deutschen Besatzung kommt bis heute in vielen europäischen Ländern eine herausragende Bedeutung zu, wenn es darum geht, die eigene Identität zu bestimmen. Das hat zur Folge, dass es auch im schon lange vereinten Europa noch immer tiefe Unterschiede in den jeweiligen nationalen »Basiserzählungen« über den Zweiten Weltkrieg gibt.
Im Gespräch mit den Angehörigen der zweiten und dritten Generation aus den Benelux-Ländern wurde deutlich, dass die Opfer, welche die NS-Verfolgungsstätte Zuchthaus Hameln gefordert hat, bis heute Leid verursachen und das Verhältnis zwischen den europäischen Nachbarn belasten. Jedes einzelne Haftschicksal brachte Angehörigen und Freunden Ungewissheit und Leid. Den Tod verschmerzten sie ein Leben lang nicht, zumal nicht selten ein Grab als Trauerort fehlte. Auf die Familien konnte sich der Verlust in Gestalt jahrzehntelangen Verstummens und Verdrängens auswirken.
Insgesamt kamen Angehörige von annähernd 20 Opfern aus den Niederlanden, Belgien und Luxemburg – aus Eigeninitiative oder auf Einladung – nach Hameln. Sie konnten unter Begleitung die Orte besuchen, wo ihre Väter und Großväter gelitten hatten.[7]
2005 erforschten Schüler des Hamelner Albert-Einstein-Gymnasiums unter Anleitung des Verfassers die Geschichte des 1976 eingeebneten ehemaligen Gräberfeldes der Zuchthaustoten und machten das inzwischen verwilderte Feld durch eine »Geschichts- und Erinnerungstafel« kenntlich. 2006 richteten ausländische Jugendliche im Rahmen eines internationalen Workcamps des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge die Fläche wieder her.[8]
Die Ausstellung von 2004 und die Herrichtung des Gräberfeldes waren Schritte, die den Rat der Stadt 2006 endlich dazu bewogen, am Rande des ehemaligen Zuchthausgeländes auf städtischem Grund – nicht auf Hotelgelände – eine Erinnerungstafel für die Toten des Zuchthauses zu installieren. Seitdem gibt es in Hameln zwei Orte zum Gedenken und zur Information.
Mit welchen Schwierigkeiten sich die Erinnerungsarbeit dennoch auch in der Folgezeit konfrontiert sah, zeigte sich 2010/11. Schon seit Jahren warb das Hotel »Stadt Hameln«, das im ehemaligen Zuchthauskomplex liegt, mit der Veranstaltung sogenannter »Knastfeten«. Für 44 Euro bekamen Gäste als »Spezialprogramm« über viereinhalb Stunden »Preußischen Justizvollzug« serviert, Knastmenü, Knastgetränke und schwarz-weiß gestreifte T-Shirts inklusive. Nachdem Protestbriefe an die Oberbürgermeisterin der Stadt Hameln und an die Besitzerin des Hotels unbeantwortet geblieben waren, brachte erst ein Artikel in SPIEGEL ONLINE (»Hamelner Hotelkonzept – Partys im Nazi-Gefängnis«) vom 25. Mai 2011[9] den Verzicht auf dieses makabre Treiben.
Im Zeitraum 2006 bis 2008 konnte in Zusammenarbeit mit Mario Keller-Holte und unterstützt von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten anhand des im Hauptstaatsarchiv Hannover liegenden Bestands an Häftlingskarteikarten[10] eine Personen-Datenbank erstellt werden. Sie enthält vielfältige Angaben über jeden der knapp 9 700 Gefangenen, die im Zuchthaus Hameln im Zeitraum 1933 bis 1945 einsitzen mussten, und bildet eine überaus wertvolle Grundlage für die wissenschaftliche Erforschung der Hamelner Anstalt.
Die Mitarbeit an dem niederländischen Film »Nacht und Nebel«[11] brachte 2011 die Begegnung des Verfassers mit einem der wenigen noch lebenden Häftlinge, dem heute 92-jährigen Piet Mathijssen. Der Film beruht auf seinen Erinnerungen und auf Recherchen in der Gedenkstätte Kamp Haaren in den Niederlanden. Der Verfasser stellte Informationen und Materialen über das Zuchthaus Hameln, das Zuchthaus-Außenlager Holzen und den Todesmarsch Hameln-Holzen zur Verfügung. Seine Uraufführung fand der Film am 5. Mai 2012, dem Befreiungstag der Niederlande, in Roosendaal, der Heimatstadt Mathijssens, unter großer Anteilnahme der Bürgerschaft. Die deutsche Fassung wurde am 12. September 2013 in Hameln in Anwesenheit von Piet Mathijssen uraufgeführt.
Wegen der hohen Zahl der Häftlinge und der Disparatheit der Insassen ist es in ehrenamtlicher Arbeit unmöglich, einen Überblick über alle Insassen des Zuchthauses Hameln zu gewinnen. So war es geboten, exemplarisch zu arbeiten. Die Datenbank ermöglichte, Häftlingsgruppen zahlenmäßig zu erfassen. Hier bot sich zur vertieften Bearbeitung eine Gruppe an, die von der Größe her noch einigermaßen überschaubar war: die Häftlinge aus den Benelux-Staaten, zumal zu mehreren Angehörigen bereits intensive Beziehungen bestanden.
Aus den Niederlanden stammten 285, aus Belgien 462 und aus Luxemburg 114 Männer. Was sind die besonderen Merkmale dieser über 800 Männer umfassenden Gruppe? Die Mehrheit war wegen politischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung verurteilt worden, nicht wenige von ihnen zum Tode.[12]
Von dieser Häftlingsgruppe starben in Hameln, auf Todesmärschen und nach ihrer Verschubung 212 Männer. Die im Vergleich mit anderen Häftlingsgruppen erschreckend hohe Todesrate hat mehrere Gründe. Die Benelux-Häftlinge kamen zumeist Ende 1944, also erst zu einer Zeit nach Hameln, als sich die Haftbedingungen dramatisch verschlechtert hatten. Unter den Häftlingen aus den Niederlanden und Belgien befanden sich auch zum Tode verurteilte »Nacht und Nebel«-Häftlinge. Die Benelux-Häftlinge gerieten in die Phase der Kriegsendzeitverbrechen und wurden beim Herannahen der Alliierten überdurchschnittlich häufig auf Todesmärsche gezwungen. Deswegen ist zusätzlich von einer bedeutenden Zahl unbekannter Toter auszugehen.
Bei der Suche nach finanzieller Förderung eines Forschungsprojekts bot es sich an, einen Antrag beim EU-Programm »Europa für Bürgerinnen und Bürger« zu stellen.[13] Bestandteil des Programms ist die »Aktion 4 – Aktive europäische Erinnerung«, welche die Förderung von Projekten zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und des Stalinismus beinhaltet.[14] Sie will dafür sorgen, dass die Lehren aus der Vergangenheit auch von künftigen Generationen verstanden werden. Zentral ist das Bemühen, die unterschiedlichen nationalen Erinnerungs- und Gedenkkulturen zu »europäisieren«. Bisher ist die europäische Erinnerungslandschaft sehr heterogen. Für einen gelingenden Integrationsprozess ist aber ein gemeinsames europäisches Gedächtnis zwingend.
Im Blick auf die Anforderungen des EU-Projekts schien die Beschäftigung mit der Gruppe der Benelux-Häftlinge im Zuchthaus Hameln besonders geeignet zu sein. Für Bürger aus den Benelux-Staaten birgt das Projekt die Chance, die Schicksale ihrer Angehörigen auch in Deutschland angemessen gewürdigt zu wissen. Ehemalige Gefangene und ihre Angehörigen erfahren bei Besuchen in Hameln, dass die Zuchthausgefangenen als NS-Opfer begriffen werden und um die authentischen Orte eine Erinnerungskultur entstanden ist. Für Deutsche bedeutet das Projekt einen neuen Zugang zu den in der NS-Zeit in deutschem Namen begangenen Verbrechen. Die Konfrontation mit ausländischen NS-Justizopfern bzw. ihren Angehörigen gibt der regionalen Erinnerungskultur neue Impulse.
Der im September 2012 bewilligte Antrag trug den Titel: »Bürger aus den Benelux-Staaten als NS-Verfolgte im Zuchthaus Hameln 1942–1945 – Forschen und Dokumentieren – Erinnern und Gedenken im Dialog mit den Opfern, ihren Angehörigen und Nachkommen nach 70 Jahren«.
Träger des Projekts war der Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln, die Realisierung lag in den Händen von Bernhard Gelderblom und Mario Keller-Holte. Neben der EU förderten auch die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und – zu einem kleineren Teil – den genannten Verein.[15]
Das recht komplexe Projekt wurde im Zeitraum 1. Januar 2013 bis 30. Juni 2014 durchgeführt.
Die wichtigsten Arbeitsschritte im Zusammenwirken mit Benelux-Bürgern waren:
Die wichtigsten Arbeitsschritte auf deutscher Seite waren:
Einzelne »Schritte zur Erinnerung« seien hervorgehoben:
Im Herbst 2013 kam der damals 91 Jahre alte ehemalige Häftling Piet Mathijssen mit seinem ältesten Sohn zu einem umfangreichen viertägigen Programm nach Hameln. So sprach er mit einer Schülergruppe, erlebte in einer Veranstaltung mit Bürgern der Stadt die Uraufführung der deutschen Fassung »seines« Films, besuchte die Orte der Verfolgung, insbesondere die Stationen des Todesmarsches, und wurde von der Bürgermeisterin empfangen (vgl. die Abbildungen S. 46 oben).
Drei mehrtätige Interviewreisen, je eine in die Niederlande, nach Belgien und nach Luxemburg, brachten erschütternde Begegnungen mit Angehörigen. Drei Beispiele:
Eine Niederländerin, deren Mutter, Vater und Großvater in NS-Haft saßen und deren Großvater in Hameln starb, geht mit ihrem Familienschicksal an die Öffentlichkeit und hat mehrere Artikel in der Zeitschrift der »Vereniging Kinderen van Verzetdeelnemers 1940–1945« (= Vereinigung der Kinder der Widerstandskämpfer) veröffentlicht. Sie selbst war inzwischen drei Mal in Hameln zu Besuch.
Eine Luxemburger Familie, die zwei Opfer (Vater und Sohn) in Hameln zu beklagen hat und deren Mutter ebenfalls in Deutschland inhaftiert war, hat bisher die Erinnerung an das Geschehen als zu gefährlich, als zerstörend verdrängt. Nur eine Enkelin hat den Schritt getan, die Verfolgungsorte in Hameln zu besuchen und sich Gesprächen geöffnet. Beim Besuch in Luxemburg war dann aber auch ihre Mutter bereit, mit den Ausstellungsmachern zu sprechen (vgl. die Abbildungen S. 46 unten).
Eine weitere niederländische Familie, die den Tod des Vaters auf dem Todesmarsch nach Dreibergen und das Fehlen eines Grabes zu beklagen hat, hat über Jahrzehnte Deutschland und die deutschen Sprache gemieden. Erst vor wenigen Jahren hat sie sich an die Erforschung des Schicksals des Vaters gemacht. Angestoßen durch das Hamelner Erinnerungsprojekt unternahm die Familie Ostern 2014 einen einwöchigen »Memorial-March« zu den Stätten der Verfolgung (vgl. die Abbildungen S. 47).
Im Frühjahr 2014 präsentierte das Seminarfach Kunst des Albert-Einstein-Gymnasiums Hameln 17 Modelle für eine Neugestaltung des Gräberfelds der Zuchthausopfer. Die Modelle standen im Mittelpunkt einer Ausstellung, die unter dem Titel »Unbeweint begraben …« die schwierige Geschichte des Gräberfeldes schilderte.[16] Am 1. April 2014 beschäftigte sich eine Jury mit den Entwürfen der Schüler, zog drei Modelle in die engere Wahl und vergab den ersten Preis an die Arbeit von Svenja Broska.
Am 19. Juni 2014 schließlich wurde die Ausstellung »Schritte zur Erinnerung nach 70 Jahren – Bürger aus den Benelux-Staaten als NS-Verfolgte im Zuchthaus Hameln 1942–1945« in der Münsterkirche der Stadt Hameln feierlich eröffnet. Vierzehn Angehörige waren aus den Niederlanden angereist. Zur Eröffnung sprachen u.a. die Kultusministerin des Landes Niedersachsen und zugleich Vorsitzende des Stiftungsrats der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Frauke Heiligenstadt, und die Oberbürgermeisterin der Stadt Hameln, Susanne Lippmann. Besonders eindrucksvoll waren die beiden Reden von Angehörigen: Carla van den Hout sprach für ihren Großvater Johannes Allers, Maarten Geerdes für seinen Großvater Marius Jonker Roelants.[17]
In den nächsten Wochen reisten weitere Angehörige und andere Interessierte vor allem aus Belgien an. Besonders zahlreich trugen sich in Hameln weilende niederländische Touristen in das Gästebuch der Ausstellung ein.
Für die Hamelner Erinnerungskultur hat das Projekt einen nachhaltigen Anstoß gebracht. Die Dokumentation des Verfassers[18] »Die vergessenen NS-Opfer des Zuchthauses Hameln auf dem Gräberfeld C I des Friedhofes Am Wehl« vom Februar 2014 stellte alle Informationen zusammen, die erforderlich sind, um das Gräberfeld als »Kriegsgräberstätte« anzuerkennen. Diesen Antrag hat die Stadt Hameln inzwischen beim niedersächsischen Ministerium für Inneres und Sport mit Erfolg gestellt. Nachdem die Anerkennung erfolgt ist, stehen Bundesmittel zur Verfügung, die nicht nur eine regelmäßige Pflege, sondern auch eine Neugestaltung des Gräberfeldes ermöglichen. An der Umsetzung des ausgewählten Modells von Svenja Broska – vermutlich 2016 – will sich auch die Stadt Hameln finanziell beteiligen.
Die Ausstellung[19] bildet den Abschluss des Erinnerungsprojektes und präsentiert seine wichtigsten Ergebnisse. Ihre Erarbeitung erfolgte im Dialog mit den Opfern, ehemaligen Häftlingen und den Angehörigen zu Tode gekommener Häftlinge. Am Beispiel von neun Biografien – vier Niederländer, zwei Belgier, drei Luxemburger – entfaltet sie die schmerzvolle Geschichte der »Verfolgung« durch das NS-Regime und den mühseligen Prozess der »Erinnerung«. Jedes Schicksal wird unter diesen beiden Überschriften dargestellt. Jeder Nation ist eine Tafel vorangestellt, welche die Spezifika der deutschen Besatzung erläutert.
Einführende Tafeln befassen sich mit der Situation im Zuchthaus Hameln und im Außenlager Holzen in den letzten Kriegsmonaten, Hamelns Rolle als Ziel großer Räumungstransporte aus dem Westen und mit den vier Todesmärschen, die von Hameln ausgingen. Am Schluss stehen Tafeln, die sich den Bestattungen der Opfer, den Schülerentwürfen für die Neugestaltung des Gräberfelds der Opfer und den Namen der 212 Toten widmen.
Die Ausstellung ist zweisprachig (deutsch und englisch). Eine Übersetzung ins Niederländische liegt in Form einer Broschüre ebenfalls vor. Die Ausstellung ist als Wanderausstellung konzipiert.[20] Die erste Station in einem der Benelux-Länder ist die Gedenkstätte »Kamp Haaren«, Niederlande. Dort wurde die Ausstellung am 9. Mai 2015 eröffnet. Weitere Stationen sind Leuven (Belgien ab 21. Oktober 2015 sowie 2016 die Gedenkstätte Esterwegen und Augustaschacht (Osnabrück).
Bernhard Gelderblom, bis 2006 als Lehrer für evangelische Religion, Geschichte und Politik am Albert-Einstein-Gymnasium in Hameln tätig, hat sich intensiv mit der jüdischen und der NS-Geschichte der Region beschäftigt.
[1] Vgl. Bernhard Gelderblom, Vom Karrengefängnis zur Jugendanstalt. Über 300 Jahre Strafvollzug in Hameln, Holzminden 2009, S. 4–7
[2] BArch Berlin R 3001/10037, Justizministerium, betr. Die Oberbeamten beim Strafgefängnis Hameln, Febr. 1920 bis Dez. 1938
[3] Vgl. www.geschichte-hameln.de/gedenkbuch: Die Dokumentation der Opfer der NS-Herrschaft in der Stadt Hameln und im Landkreis Hameln-Pyrmont. Die Opfer unter den Gefangenen des Zuchthauses Hameln. Bei der Ermittlung der Zahl der Opfer müssen wir berücksichtigen, dass einigen Gefangenen die Flucht gelang, andere irgendwo krank oder tot zurückblieben. Namentlich nachweisen lassen sich bisher 19 Tote; weitere zwölf sind als »unbekannte« Opfer des Marsches verbürgt.
[4] www.euprojekt-zuchthaus-hameln.de
[6] Insbesondere die Webseite zum Zuchthaus Hameln (www.gelderblom-hameln.de) mit den Namen der Opfer brachte Kontakte zu Angehörigen.
[7] Das Gelände des Zuchthausaußenlagers Holzen liegt versteckt und ohne Kennzeichnung in einem Waldgelände. Der Stollenmund des Bergwerks, in dem die Holzener Häftlinge unter mörderischen Bedingungen arbeiten mussten, darf nicht betreten und besichtigt werden.
[8] www.gelderblom-hameln.de und www.geschichte-hameln.de
[9] SPIEGEL ONLINE, 25. Mai 2011
[10] Hauptstaatsarchiv Hannover, Bestand Hann. 86 Hameln Acc. 143/90 Strafanstalt Hameln 1801–2001. Die zum Teil sehr umfangreichen Häftlingspersonalakten wurden in Einzelfällen herangezogen.
[11] www.euprojekt-zuchthaus-hameln.de
Den 40 Minuten langen Film produzierten die Journalistin Astrid van Unen und der Filmemacher und Kameramann Mehmet Ülger (beide Amsterdam). Das niederländische Original trägt den Titel »Nacht und Nebel. Het verhaal van mijn opa« und ist erschienen bei u-producties (www.u-producties.nl). Die deutsche Fassung unter dem Titel »Nacht und Nebel. Die Geschichte meines Opas« ist über den Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln e.V. zu beziehen.
[12] BArch R 3001 Nr. 24045, Zuchthausdirektor Stöhr an RMJ Berlin am 29. 10. 1942. Durch ein Abkommen zwischen dem Oberkommando der Wehrmacht und dem Reichsjustizministerium wurden ab Mai 1942 Verurteilte der besetzten Gebiete auch in Strafanstalten auf deutschem Gebiet gebracht. In Hameln wurde eigens eine Abteilung für Gefangene mit Straftaten gegen das Reich oder die Besatzungsmacht in den besetzten Gebieten eingerichtet.
[13] Für nähere Informationen vgl. die Webseite: ec.europa.eu/citizenship
[14] Für nähere Informationen vgl. die Webseite: eacea.ec.europa.eu
[15] Förderhöhe: EU 23 000 Euro, Stiftung niedersächsische Gedenkstätten 9000 Euro, Eigenmittel des Vereins 1000 Euro
[16] www.euprojekt-zuchthaus-hameln.de
[17] Alle Reden unter www.euprojekt-zuchthaus-hameln.de
[18] www.euprojekt-zuchthaus-hameln.de
[19] Die Ausstellung ist im Web zu sehen unter www.euprojekt-zuchthaus-hameln.de
[20] Technische Daten: Die Ausstellung umfasst 29 Tafeln im Format 80x200 cm. Die Tafeln sind als »Roll-Ups« gestaltet, sodass die Ausstellung mühelos auf- und abzubauen und zu transportieren ist.