Ausstellung: Magarete Buber-Neumann 1901-1989

Gefangene bei Stalin und Hitler
10/2002Gedenkstättenrundbrief 109, S. 35-37
Jacobeit Sigrid

Einen Höhepunkt in der vielgestaltigen, beinahe zehnjährigen Ausstellungstätigkeit der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück/Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten stellt eine exklusive Dokumentation des außergewöhnlichen Lebensweges von Magarete Buber-Neumann anlässlich ihres 100. Geburtstages dar. Sie ist eine der prominentesten Ravensbrücker Häftlingsfrauen, verehrt von vielen ihrer Mitgefangenen, verachtet, gemieden, und bekämpft über ihre Haftzeit hinaus von kommunistischen »Kameradinnen« des größten Frauen-Konzentrationslagers auf deutschem Reichsgebiet sowie von den Politorganen des deutschen und internationalen kommunistischen Parteiapparats nach 1945. Margarete Buber-Neumann verteidigte in diesen Auseinandersetzungen nicht nur ihre Positionen und Auffassungen über all das, was sie unter den Diktaturen der Sowjetunion und des Dritten Reiches hat erdulden müssen. Sie war darüber hinaus eine kompromisslose Kämpferin für ein Freiheitsideal jenseits totalitären Bevormundungen und Strafmaßnamen. Gleichwohl galt sie auch als eine umstrittene Persönlichkeit.

Die biographischen Daten, die Fixpunkte in ihren Lebensentscheidungen in Form einer Ausstellung dem Besucherpublikum nahe zu bringen, zu erläutern und zum eigenen Nachdenken anzuregen, war die Absicht der drei Autorinnen Anja Wissmann, Elke Kolmans und Barbara Danckworth, die unermüdlich und meist erfolgreich vor allem archivalische Recherchen zwischen Berlin und Rußland vornahmen und sich um Belegexemplare der zahlreichen Schriften und Bücher von Margarete Buber-Neumann bemühten. Den größten Teil der Ausstellung bilden Objekte, Dokumente, Fotos und Bücher aus dem Nachlass von Margarete Buber-Neumann, den das Deutsche Exilarchiv in der Deutschen Bücherei Frankfurt am Main bewahrt. Die vorbildliche Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Exilarchiv wie auch der Familie Agassi in Herzlia/Israel ermöglichte erst diese Ausstellung.

Für den Gestalter, Norbert Günther, war es eine spannende Aufgabe, die enorme Vielfalt des Materials in angemessener und auch außergewöhnlicher Weise zu präsentieren.

Es handelt sich hauptsächlich um Druck und Schrifterzeugnisse, die zur Verfügung standen die - einer ganzheitlichen biographischen Betrachtungsweise gemäß - mit Elternhaus, Jugend, der Heirat mit Rafael Buber - Sohn des bekannten jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber - beginnen. Das Ehepaar schloss sich dem kommunistischen Jugendverband an, und die Teilnahme an einer Demonstration zu den Gräbern von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurde prägend für die weitere politische Entwicklung der jungen Frau.

Nach der Scheidung 1925 wurde Margarete Buber Mitglied einer KPD-Ortsgruppe in ihrer Geburtsstadt Potsdam, arbeitete in der Redaktion von »Inprekorr«, einer Zeitschrift der Komintern, und reiste 1931 zum ersten Mal nach Moskau. Ihr neuer Lebensgefährte wurde der Komintern-Funktionär und Mitglied des Politbüros der KPD, Heinz Neumann. Seine abweichenden Ansichten gegenüber Auffassungen von Komintern und KPD über die Bekämpfung des deutschen Faschismus führten zum Bruch mit der Moskauer Spitze und zur Rückberufung in die Sowjetunion. Es folgten die Verhaftung am 26. November 1937, das Todesurteil und die Hinrichtung.

Im Sommer 1938 traf die Welle der »Stalinistischen Säuberungen« auch seine Lebensgefährtin. Als »sozialgefährliches Element« zu fünf Jahren Lagerhaft verurteilt, musste sie ab Januar 1939 Zwangsarbeit im berüchtigten Karaganda verrichten. Die Autorinnen der Ausstellung haben hierzu bisher ungekannte, beeindruckende Zeugnisse in Bild und Text über die dortigen Zustände beschaffen können.

Es gehört zu den unglaublichsten Vorkommnissen des deutsch-sowjetischen Verhältnisses am Ende der 30er Jahre, dass die Sowjetunion im Zuge des Hitler-Stalinpaktes deutsche Emigranten an das Dritte Reich auslieferte. Zu diesen gehörte auch Margarete Buber-Neumann. Am 8. Februar 1940 in Brest-Litowsk den faschistischen Schergen ausgeliefert, deportierte man sie nach mehreren Gefängnisaufenthalten am 2. August 1940 wegen angeblicher Spionagetätigkeit für die Sowjetunion ins Frauen-KZ Ravensbrück. Wenige Tage vor der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee wurde sie im April 1945 mit ordnungsgemäßen Entlassungspapieren auf freien Fuß gesetzt.

Diese tragische Odyssee können die Besucherinnen und Besucher an originalen Texten und Bildern verfolgen und nachempfinden. Ihr fast fünfjähriger Lageraufenthalt in Ravensbrück war vielschichtig: Stubenälteste bei den »Asozialen«, Blockälteste bei den »Zeuginnen Jehovas«, Schreibkraft bei der Oberaufseherin Langefeld, Zwangsarbeit in der Schneiderei und im Ravensbrücker Siemenswerk, wochenlanger Dunkelarrest usw. Trotz alledem blieb Margarete Buber-Neumann ihren Gefährtinnen gegenüber hilfreich, spendete Trost und stärkte deren Widerstandswillen. Sprichwörtlich war die tiefe Verbundenheit mit ihrer tschechischen Freundin Milena Jesenká. Wegen ihrer antikommunistischen Gesinnung waren beide erklärte Feinde der kommunistischen Frauenhäftlinge in Ravensbrück.

Mit der Entlassung aus dem Frauen-KZ - fast gleichzeitig mit dem Untergang der Nazi-Diktatur - begann ein neuer Abschnitt im Dasein von Margarete Buber-Neumann. Nach schwierigen Monaten einer Existenzsicherung in Westdeutschland trat sie 1946 mit Unterstützung einer internationalen Flüchtlingsorganisation einen längeren Erholungsaufenthalt in Schweden an und benutzte diesen zur Niederschrift ihres tragischen Schicksals. 1948 erschien diese unter dem Titel »Als Gefangene bei Stalin und Hitler« zuerst in Schweden, dann in den drei westdeutschen Besatzungszonen sowie in Frankreich, Großbritannien und den USA. Übersetzungen in andere, auch »exotische« Sprachen folgten. In diesem Literaturgenre gilt dieses faszinierende Selbstzeugnis noch heute als »Klassiker«.

In der Ausstellung bildet dieses Buch in seinen zahlreichen Auflagen und Übersetzungen - angeordnet in einer eigens dafür konstruierten, fünf Meter langen Tischvitrine - den Mittelpunkt mit einem großen Schaueffekt. Viele Leser machten damals besonders die erstmaligen Enthüllungen über die Verhältnisse in den sowjetischen »Gulag«, nicht minder die Auslieferung von Hunderten deutscher Emigranten an die SS, fassungslos. Von da ab stand die Verfasserin in einem ständigen Abwehrkampf gegen kommunistische Verleumdungen ihrer Glaubwürdigkeit, die ihren Höhepunkt im Pariser »Krawtschenko«-Prozeß fanden, in dem sie unter Eid gegen das Sowjetregime aussagte.

Kommunistische Kreise, namentlich in Deutschland, blieben unversöhnlich. Für sie war Margarete Buber-Neumann, die deren Idol beschädigt hatte und es zu zerstören drohte, die Feindin par excellence.

Die Auseinandersetzungen um dieses Buch führte Margarete Buber-Neumann zu eigenen Aktionen gegen den Kommunismus und gegen alle »linken« Strömungen in der westdeutschen Öffentlichkeit. Unterstützt von der amerikanischen Besatzungsmacht und von den konservativen Parteien hielt sie unzählige Vorträge aggressiven, aber auch aufklärenden Charakters, nahm Stellung gegen die Entspannungspolitik Willy Brandts, schrieb zahlreiche Aufsätze und einige Bücher. Sie galt in der Öffentlichkeit immer mehr als »Kalte Kriegerin«.

1975 trat Margarete Buber-Neumann der CDU bei. 1980 verlieh man ihr das Bundesverdienstkreuz. Es gehört wohl zur Tragik ihres Lebens, dass sie den Fall der Mauer 1989 nicht mehr erleben durfte. Sie starb am 6. November 1989 in Frankfurt am Main.

Dieser Bericht konnte nur summarisch die Grundlinien jener Ausstellung in der Mahn- und Gedenkstätte aufzeigen und musste auf zahlreiche nicht unwesentliche Details zu Leben und Kampf von Margarete Buber-Neumann verzichten. Dem interessierten Besucher gelingt es aber unschwer, sich ein eindruckvolles Bild von dieser Frau zu machen, die einmal bekannte, dass sie Sozialistin geblieben, aber Anhängerin von Freiheit und Demokratie geworden sei.

Die Ausstellung wird noch bis Ende September in Ravensbrück gezeigt. Ab November ist sie in der Deutschen Bücherei in Frankfurt zu sehen.