In den letzten zwölf Jahren konnte sich das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln (im Folgenden kurz NS-DOK) grundlegend erneuern und seine Arbeitsbedingungen entscheidend verbessern. Das NS-DOK wurde 1979 vom Rat der Stadt Köln beschlossen, war jedoch danach jahrelang auf eine wissenschaftliche Stelle beschränkt, weshalb der Rat 1987 ein weiteres Mal »die Gründung des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln« beschloss, woraus sich allmählich die heutige Form entwickelte. Seit 1988 befindet sich das NS-DOK im EL-DE-Haus, dem Sitz der Gestapo in Köln in den Jahren 1935 bis 1945. Dort wurde 1981 das ehemalige Gestapogefängnis mit den sehr beeindruckenden Inschriften der Gefangenen an den Zellenwänden als Gedenkstätte eröffnet. Seit 1997 befinden sich auf zwei Etagen des Hauses die Dauerausstellung »Köln im Nationalsozialismus« sowie eine Bibliothek und weitere Räume.
In den letzten Jahren erfolgten wesentliche Veränderungen in den bestehenden Bereichen. Im Jahr 2009 wurde die Gedenkstätte grundlegend umgestaltet – zum ersten Mal nach 28 Jahren seit Eröffnung. Neue Tafeln zu den Inschriften, nunmehr auch in englischer Übersetzung, wurden erstellt, eine neue Ausstellung entwickelt, die sich im Unterschied zu früher auf den eigentlichen Ort, das Hausgefängnis der Gestapo, beschränkt. Zudem wurden der hintere Teil des Gefängnisses, wo sich zu Gestapozeiten die Wachleute aufhielten, und der Bunker im Tiefkeller öffentlich zugänglich gemacht.
Nach einer vergleichbar kurzen Zeit wurde auch die Dauerausstellung in wesentlichen Teilen verändert. Es galt, neue Erkenntnisse und Materialien aus Forschungs- und Ausstellungsprojekten zu integrieren, pädagogische Erfahrungen mit einzubinden und die Medientechnik zu erneuern. Die 2009 und 2010 umgesetzten Neuerungen passten sich der bisherigen, mehrfach ausgezeichneten Ausstellungskonzeption an. U.a. wurden folgende Themenbereiche verändert oder hinzugefügt: Jugend, insbesondere »unangepasste Jugendliche« wie die Gruppen der »Edelweißpiraten«, Verfolgungsbehörden und -orte wie Polizei und Gestapo, Justiz und Konzentrationslager, Widerstand mit Beispielen für Zivilcourage und Mitmenschlichkeit, Zweiter Weltkrieg, wobei erstmals der Blick über Köln hinaus auf das Geschehen an den Fronten gerichtet wurde, Geschichte der Zwangsarbeit sowie das jugendliche Leben im Krieg an Beispielen wie Kinderlandverschickung, Luftwaffenhelfer, Westwall oder Kriegshilfsdiensten.
In die Dauerausstellung wurden 31 Medienstationen mit Interviews von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie historischen Filmen, Fotografien und Dokumenten integriert. Die Medienstationen sind komplett auf der Internetseite www.nsdok.de eingestellt, die zudem einen 360-Grad-Rundgang durch Gedenkstätte und Dauerausstellung und einen dreiviertelstündigen Audioguide enthält, der in acht Sprachen (neben Deutsch sind das Englisch, Französisch, Hebräisch, Niederländisch, Polnisch, Russisch und Spanisch) angeboten wird.
Von zentraler Bedeutung für die Entwicklung des NS-DOK sind die Umbauten im EL-DE-Haus bzw. die Erweiterung durch die Übernahme der bis dahin von einer Galerie genutzten Räumlichkeiten in einem angrenzenden Haus. Während die Gestapozentrale wie durch eine Ironie der Geschichte den Krieg überstanden hatte, wurde das zerstörte benachbarte Haus nach 1945 wiederaufgebaut und mit dem EL-DE-Haus zu einem Haus integriert. Der wesentliche Grund zur Anmietung lag in dem unerträglichen Problem, dass die Galerie auch den Innenhof angemietet hatte, der zur Hinrichtungsstätte gehörte, auf der mehrere Hundert Menschen ermordet wurden, und dass ausgerechnet an diesem Ort Müllcontainer und parkende Autos standen.
Der Umbau wurde 2012 in seinen wichtigsten Teilen in einer Rekordzeit von nur vier Monaten abgeschlossen, und zwar bei laufendem Betrieb. Restarbeiten wurden 2014 fertiggestellt. Die Erweiterung um fast 1 000 Quadratmeter steigert die vom NS-DOK genutzte Fläche auf 2 850 Quadratmeter, wobei unverändert die Dauerausstellung 900 und die Gedenkstätte 300 Quadratmeter umfasst.
Die wesentlichen Teile der Erweiterung bzw. des Umbaus sind im Einzelnen:
Der neue Sonderausstellungsraum im Erdgeschoss hat eine Größe von insgesamt 400 Quadratmetern und besteht aus drei Teilen (großer Raum, Kabinetträume und ein eindrucksvolles Gewölbe aus der Mitte des 19. Jahrhunderts). Dies ermöglicht unterschiedliche Inszenierungen von größeren Ausstellungen oder die gleichzeitige Präsentation von zwei bis hin zu drei Ausstellungen, wie es in den letzten zwei Jahren auch bereits genutzt wurde. Vorteilhaft ist es, dass der Sonderausstellungsraum von der zweiten Etage ins Erdgeschoss verlagert werden konnte und damit öffentlich stärker präsent ist.
Ein Pädagogisches Zentrum entstand im bisherigen Sonderausstellungsraum auf der zweiten Etage. Dazu zählen ein großer Veranstaltungsraum mit ca. 120 Sitzplätzen, der sich in zwei Gruppenräume trennen lässt, und im verbleibenden Teil des Gesamtraums das Geschichtslabor als eine Form des selbstforschenden und interaktiven Lernens. Dies stärkt und erweitert die pädagogische Tätigkeit des Hauses.
Der Bereich der Dokumentation befindet sich nunmehr im Untergeschoss und umfasst ein Büro mit zwei Arbeitsplätzen, ein Fotoarchiv und Depoträume mit Rollregalanlagen mit einer Regalfläche von 737 laufenden Metern. Für ein Dokumentationszentrum fürwahr eine wichtige Neuerung. Die Bibliothek konnte, ergänzt um den bisherigen Gruppenraum, um 40 Prozent Stellfläche vergrößert und durch eine moderne Mediathek sowie einen kleinen Gruppenraum erweitert werden. Zudem wurde ein Vorplatz vor dem Haus geschaffen, das Foyer deutlich vergrößert, Gruppenräume und ein Konferenzraum errichtet und ein behindertengerechter Aufzug eingebaut.
Schließlich konnte Ende 2013 auch der Ausgangspunkt aller Überlegungen zu einem würdigen Ergebnis geführt werden: Das Denkmal an der ehemaligen Hinrichtungsstätte wurde eingeweiht und bildet seitdem einen integralen und wichtigen Teil der Gedenkstätte Gestapogefängnis. Aus den Entwürfen von vier Künstlerinnen und Künstlern wurde das spektakuläre Konzept von Thomas Locher ausgewählt, das eine Verspiegelung aller Wandflächen im Hofbereich vorsah. Das Werk geht damit vom Ort und von der Präsenz der damaligen Ereignisse, aber auch des Umgangs der Gesellschaft mit diesem Ort nach 1945 aus; nimmt ihn so, wie er ist und verändert ihn gleichzeitig. Der gesamte Raum wird transformiert und die alltägliche Wahrnehmung gebrochen. Die Verspiegelung soll einen »Effekt der Entgrenzung erzeugen« (so Locher), konfrontiert den Besucher mit sich selbst und wirft mit der Öffnung des Raumes in die Stadtgesellschaft hinein die Frage auf, was die umliegende Bevölkerung von den Hinrichtungen hat sehen oder wissen können.
Dem NS-Dokumentationszentrum ist es in den letzten zehn Jahren gelungen, die städtischen Hausmittel zu verdoppeln (derzeit 1,9 Mill. Euro jährlich). Darüber hinaus werden eine Reihe von Projekten über Drittmittel finanziert. Organisatorisch zählt das NS-DOK seit 2008 zum Verbund der städtischen Kölner Museen. Mit der Aufstockung des Etats wurden (neben Miete und Bewachung) vor allem neue Stellen finanziert. Der Anteil der Vollzeitstellen stieg in diesem Zeitraum um fast das Doppelte auf 17 (einschließlich einer dauerhaft über Drittmittel finanzierte Stelle). Die rund 20 pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Führungen im Haus machen, werden über Honorarmittel finanziert und die Wachleute der Ausstellung über eine beauftragte Firma.
Vor allem ist es gelungen, eine pädagogische Abteilung aufzubauen. Sehr spät und nur nach großen Mühen konnte ein Geburtsfehler des NS-DOK bei seiner Gründung ausgeräumt werden, als nämlich eine Museumspädagogik solange nicht für notwendig erachtet wurde, solange die Dauerausstellung nicht eröffnet war. Erst 2006 wurde eine halbe und seit 2008 eine volle Stelle Museums- und Gedenkstättenpädagogik geschaffen. Seit 2008 ergänzt die Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus (ibs) die Arbeit des NS-Dokumentationszentrums um den Aspekt der Auseinandersetzung mit aktuellen extrem rechten Ideologien. Seitdem diese Stellen dauerhaft etabliert werden konnten, entfaltet sich ein reges pädagogisches Programm im Haus.
Nicht minder wesentlich war es, dass ein anderes Desiderat behoben werden konnte: der Aufbau eines Bereichs Dokumentation – im Dokumentationszentrum. Erst 2007 wurde die halbe Stelle einer Diplom-Dokumentarin geschaffen, die 2013 auf zwei volle Stellen einer Wissenschaftlichen Dokumentarin sowie eines Diplom-Dokumentares aufgestockt wurde. 2014 wird noch eigens eine Stelle eines Diplom-Dokumentars für den Bereich Zwangsarbeit hinzukommen.
Im NS-Dokumentationszentrum arbeiten somit elf Wissenschaftler/innen, einige halbtags (sieben Historiker/innen, eine Pädagogin, zwei Politikwissenschaftler und eine wissenschaftliche Dokumentarin). Dies belegt den Stellenwert der Forschung im NS-DOK.
Diese erheblich verbesserten Arbeitsbedingungen ermöglichen deutlich gestiegene Aktivitäten: Jährlich werden fünf bis sechs Sonderausstellungen gezeigt, über 180 Veranstaltungen recht unterschiedlicher Form und Inhalts durchgeführt (u.a. Begleitveranstaltungen zu den Sonderausstellungen, das Edelweißpiratenfestival, museumspädagogische Veranstaltungen und die Angebote der Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus, Theateraufführungen, Jugend- und Schülergedenktag, Vorträge, Lesungen und Diskussionen, Teilnahme am Museumsfest, der Langen Nacht der Museen und dem Tag des offenen Denkmals, Tagungen und ein Forschungskolloquium zur NS-Geschichte vornehmlich in Köln und dem Rheinland), und es wurden rund 20 Publikationen veröffentlicht und an über zehn Forschungsprojekten gearbeitet. Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, dazu Näheres auszuführen. Es sei jedoch auf den umfangreichen Jahresbericht verwiesen, der auch auf der Website einsehbar ist.
Erfreulich gestiegen ist auch die öffentliche Aufmerksamkeit für das NS-DOK. Im letzten Jahr haben wir im zwölften Jahr in Folge einen Besucherrekord verzeichnen können. Über 62 000 Besucherinnen und Besucher kamen 2013 ins Haus. Dies ist eine durchaus beachtliche Zahl, da das EL-DE-Haus und insbesondere die Gedenkstätte nur eine begrenzte Zahl von Menschen fassen können. Das Interesse an der Arbeit des NS-DOK beschränkt sich nicht auf Köln und die Region, sondern erstreckt sich weit darüber hinaus. Dies schlägt sich auch in nicht weniger als 19, z.T. internationalen Auszeichnungen für das NS-DOK nieder.
So gesehen ist die erfreuliche Tatsache festzuhalten, dass nach recht mühseligen Anfangsjahren dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln mittlerweile ausgezeichnete Arbeitsmöglichkeiten für alle Bereiche seiner Tätigkeit zur Verfügung stehen. Dem NS-DOK ist es in den letzten Jahren gelungen, sich aus der Nische heraus zu einem tatsächlichen Zentrum zu entwickeln. Die frühere Verengung auf eine Forschungseinrichtung konnte abgestreift werden – wobei jetzt zwar mehr als früher geforscht und dokumentiert wird, aber der pädagogischen Arbeit und der Vermittlung die notwendige Bedeutung zukommt. Von der erfolgreichen Entwicklung der letzten Jahre profitieren – dem heutigen Profil entsprechend – alle zentralen Bereiche der Arbeit des NS-DOKs gleichermaßen und stärken damit das selbst gesteckte Ziel, eine wechselseitig sich beeinflussende Einheit von Gedenkort, Lernort und Forschungsort entstehen zu lassen.
Website: www.nsdok.de
Dr. Werner Jung arbeitet seit 1986 im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, zunächst als stellvertretender Direktor, seit 2002 als Direktor.
Einführende Literatur:
Köln im Nationalsozialismus. Ein Kurzführer durch das EL-DE-Haus, hrsg. vom NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, Köln 2011 (auch als englische Ausgabe)
Werner Jung (Hg.): Wände, die sprechen. Die Wandinschriften im Kölner Gestapogefängnis im EL-DE-Haus. – Walls that talk. The wall inscriptions in the Cologne Gestapo prison in the EL-DE House, Köln 2014