Vom 1. Mai bis 31. Dezember 2006 hat das Jugendgästehaus Dachau in Kooperation mit der Akademie Führung & Kompetenz am Centrum für angewandte Politikforschung (C.A.P.) in München, dem Fritz Bauer Institut in Frankfurt/M., den Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora sowie der Gedenkhalle Oberhausen das durch das Förderprogramm »Entimon« ermöglichte Projekt »Aus der Geschichte lernen?« durchgeführt. Mit seinem Institutionen übergreifenden und empirischen Ansatz, Demokratie fördernde Konzepte für die Gedenkstättenpädagogik nicht nur zu entwickeln, sondern diese auch zu erproben und auszuwerten, wurde Neuland betreten.
Das Projekt umfasste ein Planungstreffen, drei Hospitationen in den beteiligten Gedenkstätten und dem Jugendgästehaus Dachau, eine fünftägige »Konzept-Werkstatt«, fünf Testseminare, zwei Fortbildungen und ein abschließendes Fachtreffen. Es war als Wechsel von Konzeption, Praxis und Reflexion angelegt: zwischen dem Planungstreffen und der »Werkstatt« lagen die Hospitationen, zwischen »Werkstatt« und Auswertungstreffen wurden die Testseminare sowie die erste der beiden Fortbildungen für die Mitarbeiter/innen der Gedenkstätten und des Jugendgästehauses durchgeführt. Praxisbeobachtungen und -erfahrungen sowie die mit Hilfe des Verfahrens der partizipativen Evaluation systematisch erhobenen Rückmeldungen der Teilnehmer/innen waren jeweils Anlass und Grundlage der reflektierten Weiterarbeit an Projektidee und -ziel. Zum Abschluss des Projekts fand ein zweitägiges Fachtreffen statt, auf dem die vorläufigen Ergebnisse vorgestellt und mit Vertreter/innen aus der pädagogischen Praxis und Wissenschaft diskutiert wurden.
Der Titel des Projekts zitiert ein altes und häufig wiederholtes Postulat, das insbesondere die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus unter besondere Erwartungen stellt. Das bewusst hinzugesetzte Fragezeichen markiert dabei die spezifische Ausgangsposition der Projektbeteiligten: Die Projektidee, Gedenkstättenpädagogik als Möglichkeit der Demokratiebildung zu denken und zu erproben, setzt voraus, dass eine Verbindung der pädagogischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Lernen für eine demokratische und an den Menschenrechten orientierte Gegenwart und Zukunft ethisch-moralisch erwünscht und sachlich begründet ist. Die Skepsis, die das Projekt aber während seiner gesamten Laufzeit kritisch begleitet hat, galt der Frage, ob und wie die pädagogische Arbeit in Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus praktisch – das meint intendiert und systematisch – mit Demokratie- und Toleranzbildung verknüpft werden kann. Ein Widerspruch?
Grundlegende Themen der politischen Bildung, wie das Verhältnis zwischen Minderheiten und Mehrheit, Partizipation oder der Umgang mit Konflikten, können möglicherweise besser anhand anderer Themen und an anderen Orten als Gedenkstätten bearbeitet werden. Sie stehen aber dann in engem Bezug zu deren originären Aufgaben, wenn Gedenkstättenpädagogik als historisch-politische Bildung verstanden wird, die dem Ziel einer demokratischen und von Vielfalt geprägten Gesellschaft verpflichtet ist. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es Lernformen, deren Ausgestaltung eine bislang allerdings nur unzureichend gelöste Herausforderung darstellt.
Ihre Lösung liegt aus Sicht der Projektgruppe weder darin, Aktualisierungspotenzial in tagespolitischen Ereignissen zu suchen, noch darin, auf eine nachhaltig abschreckende Wirkung des Gedenkstättenbesuchs zu setzen, die aus der Konfrontation mit der Sache gewissermaßen »von selbst« resultiert. Ein Ergebnis der Lernprozesse innerhalb des Projekts ist darüber hinaus, dass die Lösung dieser Herausforderung auch nicht darin besteht, die herkömmliche Gedenkstättenpädagogik additiv durch explizite Inhalte und Arbeitsweisen aus dem Bereich der Demokratie- und Toleranzbildung zu ergänzen.
Das C.A.P. hat mit den Demokratiebildungs-Programmen »Achtung (+) Toleranz«, »Betzavta« und »Eine Welt der Vielfalt« drei elaborierte Konzepte vorgelegt, deren partielle Adaption für die Gedenkstättenpädagogik zunächst aussichtsreich erschien. Die Klärung von Überschneidungen und Grenzen der Übertragbarkeit der verschiedenen pädagogischen Ansätze, die Erprobung einzelner Übungen aus den C.A.P.-Programmen im Hinblick auf konkrete Seminare in Gedenkstätten, ihre Diskussion innerhalb der Projektgruppe und insbesondere die Erfahrungen während der Testseminare und Fortbildungen veränderten jedoch diese Ausgangsidee.
Die vorläufigen Projektergebnisse regen als Lösungsansatz für die Frage der Demokratiebildung in Gedenkstätten eine Integration demokratischer Arbeitsformen und.-haltungen in die gedenkstättenpädagogische Praxis an, die weniger auf der Inhalts-, denn auf der Prozess- und Beziehungsebene angesiedelt und erfahrbar sind.
Hauptziel des Projekts war die Entwicklung, Durchführung und Auswertung von Seminarkonzepten für ein- und mehrtägige pädagogische Veranstaltungen mit Schulklassen in und an Gedenkstätten. Sie sollten einen Gedenkstättenbesuch und dementsprechend Anteile ortsbezogener Wissensvermittlung beinhalten, dabei aber den Anspruch einer Demokratie fördernden Bildungsarbeit explizit machen und operationalisieren.
Es schien weder sinnvoll noch erstrebenswert ein einziges und übertragbares Seminarkonzept zu entwickeln, da eine zeitgemäße Gedenkstättenpädagogik zweifellos einer ortsspezifischen Vermittlung historischer Zusammenhänge verpflichtet ist und darüber hinaus die personellen, räumlichen und materiellen Voraussetzungen der kooperierenden Einrichtungen zum Teil erheblich differieren.
Neben der Seminarentwicklung zielte das Projekt auf die Fortbildung der Mitarbeiter/innen der kooperierenden Einrichtungen vor dem Hintergrund der Projekterfahrungen. Anstatt ursprünglich anvisierter Qualifizierungen im Hinblick auf ein erweitertes Methodenspektrum wurde eine zweistufige Fortbildung konzipiert. Bei der ersten stand die intensive Auseinandersetzung mit den oft implizit bleibenden Bildungsmotivationen und -zielen der Gedenkstättenpädagog/innen sowie die Reflexion der bisherigen Erfahrungen und des eigenen Selbstverständnisses im Mittelpunkt. Das Kennenlernen konkreter Methoden, die Reflexion ihres Einsatzes an den je spezifischen Orten und die Reflexion auf den Zweck ihres Einsatzes wurden in der zweiten Fortbildung zentral.
Die Ortsbezogenheit der Gedenkstättenpädagogik stellte im Projekt den deutlichsten Reibungspunkt zwischen den beiden pädagogischen Ansätzen dar, da die Ortsunabhängigkeit der Demokratiebildung nicht den Umkehrschluss zulässt, die Übungen und Methoden seien tatsächlich an jedem Ort, also auch in Gedenkstätten, durchführbar. Gedenkstätten sind in zweierlei Hinsicht besondere pädagogische Orte. Zum einen prägen die Historie und die symbolische Bedeutung der Orte die Handlungs- und Verhaltensmöglichkeiten. Zum anderen werden Gedenkstätten seit einigen Jahren als konkrete Geschichtsorte betrachtet, deren historiografisch genaue Darstellung selbst auch als Ausdruck der Würdigung der Opfer gilt. Die Lerninhalte sind insofern nicht beliebig variierbar, sondern wesentlich historisch orientiert, um der instrumentellen Behandlung der Geschichte im Zusammenhang mit politischen und pädagogischen Fragen enge Grenzen zu setzen und diese zudem transparent und damit diskutierbar zu machen. Die Dominanz historischer Kenntnisvermittlung und Reflexionen in Gedenkstätten wirkt sich sowohl auf der Ebene der Seminarorganisation als auch der des professionellen Handelns aus. Schon aus zeitlichen Gründen ist ein Einsatz gegenwartsbezogener Übungen mit dem expliziten Ziel der Demokratiebildung in gedenkstättenpädagogischen Angeboten begrenzt, wenn die Geschichte des Ortes und der Häftlinge vermittelt sowie über die Täter(schaft) der SS, ihren gesellschaftlichen Kontext und über historische Zusammenhänge nachgedacht werden soll. Damit zusammenhängend unterscheiden sich auch die Aufgaben der Gedenkstättenpädagog/innen von denen der Moderator/innen der Demokratiebildung. Während deren Aufgabe wesentlich in der aufmerksamen Begleitung der Gruppenprozesse und dem Aufgreifen sich manifestierender Konflikte liegt, um Prozess und Thema kontinuierlich und beharrlich wechselseitig in Beziehung zu setzen, müssen die Pädagog/innen in Gedenkstätten sowohl als Vermittler/innen historischer Lerninhalte und als Meinungsträger/innen agieren, wenn es um moralische und politische Bewertungen und Verhaltensmöglichkeiten vor Ort geht, als auch möglichst offene Diskussionen über eben diese Bewertungen initiieren und moderieren.
Die Testseminare unterschieden sich konzeptionell in mehrerlei Hinsicht von bisherigen Seminaren der kooperierenden Einrichtungen. Alle wurden von je zwei Teamer/innen durchgeführt, was in der Gedenkstättenarbeit nach wie vor durchaus unüblich ist. Im Jugendgästehaus Dachau sowie in der Gedenkstätte Buchenwald wurden bewusst ortsunspezifische Übungen aus den Programmen des C.A.P. eingesetzt. Es wurden verschiedene Sozialformen für Reflexionsprozesse erprobt wie etwa geschlechterhomogene oder feste Kleinstgruppen. Wichtiges Ziel in Dachau und Buchenwald war, den Grad der Freiwilligkeit dadurch zu erhöhen, dass Wahlmöglichkeiten und fakultative Anteile in das Seminarprogramm integriert wurden.
Die sonst übliche lange Führung wurde in Dachau ersetzt durch eine kurze Überblicksführung am ersten und thematisch vertiefende Angebote in der Gedenkstätte am zweiten Tag. Auch in Buchenwald und Mittelbau-Dora wurden die Führungen aufgeteilt und durch eine Zeit der eigenständigen Erkundung ergänzt. In Mittelbau-Dora war das Seminar bewusst nur zur Hälfte fest geplant, der zweite Teil sollte und konnte den Bedürfnissen der Teilnehmer/innen angepasst werden. Eine gegenwartsorientierte Übung zum Thema »Grenzen der Toleranz« wurde hier für den Umgang mit dem Ort umgeschrieben. In Oberhausen ging es vor allem um das Thema »Geschichtskonstruktion und deren Wandel«, das u.a. in einem an den Kontext adaptierten Planspiel zur politischen Auseinandersetzung über die Konzeption einer Gedenkstätte diskutiert wurde.
Die Erfahrungen mit den Testseminaren, ihre Bewertung durch die jugendlichen Teilnehmer/innen und die Auswertung der jeweiligen Teamer/innen können an dieser Stelle nicht einzeln dargestellt werden. Die Reflexion der Neuerungen und ihre Resonanz in der Praxis sollen aber zum Abschluss thesenartig zusammengefasst werden:
• Demokratiebildung in Gedenkstätten realisiert sich primär in der Erfahrung und Reflexion eines demokratischen und offenen Bildungsprozesses sowie eines wertschätzenden Umgangs miteinander.
• Aus diesem Verständnis erwachsen radikale Anforderungen sowohl an die Stimmigkeit von demokratischem Selbstverständnis der Bildungsreferent/innen und ihrem professionellen Handeln als auch an die Anlage der Seminarprogramme sowie die Auswahl und Durchführung der Methoden.
• Die Seminarprogramme müssen so angelegt sein, dass sie ermöglichen, das orts- und inhaltsorientierte Arbeiten am historischen Gegenstand in Balance zu bringen mit der Offenheit prozessorientierten Arbeitens, das konsequent die beteiligten Menschen in den Mittelpunkt stellt. Dies ist ein zentraler Aspekt des Gegenwartsbezugs.
• Für »Demokratiebildung in Gedenkstätten« sind die kompositorische Auswahl von methodischen Einheiten, die demokratierelevante Aspekte thematisierbar und/oder erfahrbar machen soll, sowie die Art ihrer Durchführung entscheidend. Einzelne Methoden bestimmen nicht vorrangig das Profil des Angebots.
Die stärkere Ausrichtung der bisherigen, tendenziell zielorientierten Gedenkstättenpädagogik auf eine so verstandene Prozessorientierung führt zu veränderten Erfolgskriterien für die pädagogische Arbeit. Sie bleiben zum einen an der Vermittlung von Kenntnissen und Zusammenhängen ausgerichtet. Gleichwertig ist aber entscheidend, ob es gelingt, während der Seminare unterschiedliche Spannungsverhältnisse jeweils so auszutarieren, dass eine Balance besteht zwischen Verankerung und Offenheit, Inhalt und Prozess, Orientierung und Irritation sowie Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit.
Während des Fachtreffens wurden eine grundsätzliche Skepsis gegenüber der Verknüpfung von Gedenkstättenpädagogik und Demokratiebildung – zumal in Gestalt des Ansatzes, der von der Akademie vertreten wird – sowie die kritische Frage nach dem eigentlich »Neuen« des Projekts artikuliert. Das Projekt legt erste und diskutable Ergebnisse vor, wie Demokratiebildung integraler Bestandteil von Gedenkstättenpädagogik sein kann. Die Unterscheidung zwischen der Ebene der Multiplikator/innen und derjenigen der Teilnehmer/innen ist dabei wesentlich. Es existieren sowohl evaluierte Erfahrungen dazu, welche Methoden aus den Demokratiebildungs-Programmen sich eignen, das professionelle Selbstverständnis von Gedenkstättenpädagog/innen weiterzuentwickeln, als auch dazu, welche Formen der Demokratiebildung (auch) für Seminare mit jugendlichen Teilnehmer/innen geeignet sind.
Demokratiebildung in Gedenkstätten stellt zunächst hohe Anforderungen an das Selbstverständnis, das pädagogische Planen und Programmgestalten sowie an die konkrete methodische Kompetenz der Gedenkstättenpädagog/innen. Es sollte deswegen eine Konzeption für deren Fortbildung entwickelt werden. Die Trainingsinhalte aus dem Kontext der Demokratiebildung in Gedenkstätten dienen insbesondere der Auseinandersetzung mit persönlichen Erfolgskriterien, der Prozessorientierung von Demokratie-Lernen sowie dem Menschenbild, mit dem Multiplikator/innen an Teilnehmende herantreten. Außerdem sollte ein zu qualifizierender und langfristig vernetzter Trainerpool aufgebaut werden, um eine pädagogische Praxis zu fördern, die sowohl theoretisch-konzeptuell als auch methodisch stringent ist. In den punktuellen Testseminaren des laufenden Projektes ist deutlich geworden, dass die Spezifik der jeweiligen Zielgruppe (etwa nach Alter, Bildung, sozialem Hintergrund, Geschlecht, Migrationserfahrungen etc.) in erheblichem Maße relevant ist für die Didaktisierung und methodische Umsetzung einer Demokratiebildung in Gedenkstätten. Die unterschiedlichen Orte (Gedenkstätte, Bildungsstätte, historischer Ort, »Täterort« etc.) ermöglichen und begrenzen darüber hinaus die Art des Bildungsangebotes in spezifischer Weise. Für ein diversifiziertes Angebot sind umfassendere Erfahrungen mit den verschiedenen Zielgruppen und Orten nötig.
In diesem Sinne wird die Weiterführung des Projekts unbedingt angestrebt. Der bisherige Verlauf und die Ergebnisse des Projekts sind ausführlich in dem Reader »Aus der Geschichte lernen?« dokumentiert. Dieser kann gegen einen Unkostenbeitrag von EUR 5,– in Briefmarken im Jugendgästehaus Dachau bestellt oder demnächst von der Homepage des C.A.P. heruntergeladen werden.
Jugendgästehaus Dachau
E-Mail: info@jgh-dachau.de
Tel. 08131/617710
oder:
Verena Haug ist Mitarbeiterin im DFG-Projekt »Der Umgang mit den Paradoxien politisch-moralischer Erziehung« in Frankfurt am Main und promoviert derzeit über das Thema »Pädagogische Kommunikation in Gedenkstätten«.
Imke Scheurich, Politikwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt außerschulische politische Bildung, ist pädagogische Mitarbeiterin des Jugendgästehauses Dachau.
Gottfried Kößler, Lehrer für die Fächer Geschichte, Deutsch und Politik, ist pädagogischer Mitarbeiter am Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main.