Es ist eine zentrale Aufgabe der Gedenkstätten, ihre heterogenen Archivalien, die sie zum Teil über Jahrzehnte gesammelt haben, professionell zu erschließen und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Allerdings fehlt es vielen, gerade den bürgerschaftlich getragenen, kleineren Gedenkstätten, hierzu an Geld und Fachwissen. Ziel eines dreijährigen Modell-Archivprojekts des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg Ulm (DZOK) ist es, seine Archivarbeit beispielhaft so zu modernisieren, dass die Quellen auch mit vergleichsweise geringen Mitteln und unter ehrenamtlicher Mitarbeit nachhaltig gesichert und erschlossen werden können. Das Projekt – finanziell unterstützt durch Bund und Land – läuft von Januar 2012 bis Januar 2015. Das 60. Bundesgedenkstättenseminar vom 12.–14. Juni 2014 in Bad Urach bot ein wichtiges Forum, um die bisherigen Erfahrungen und Ergebnisse praxisnah vorzustellen und zu diskutieren.
Die Teilnehmer erhielten konkrete Informationen zur Gedenkstätte und zum Archiv(-projekt) des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg im Rahmen einer Führung durch Ausstellung und Gelände von Nicola Wenge sowie eine Präsentation zur Archivarbeit von Ulrike Holdt. Gemeinsam verfassten sie außerdem für das Bundesgedenkstättenseminar ein Thesenpapier, in dem sie in acht Punkten multiperspektivisch die wichtigsten Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten aktueller Archivarbeit präsentierten. Diese Thesen bildeten – gemeinsam mit einem Kommentar von Johannes Ibel (KZ-Gedenkstätte Flossenbürg) – den Einstieg in die Abschlussdiskussion. Sie sollen zugleich ein nachhaltiges Ergebnis des Seminars darstellen, da sie vom Plenum als inhaltliche Plattform für die weitere Vernetzung und gemeinsame Lobbyarbeit bestätigt wurden. Die abgedruckte Fassung wurde in Folge der Diskussion leicht überarbeitet. Die Autorinnen danken Thomas Lutz, Albert Knoll, Sibylle Thelen und Johannes Ibel für ihre inhaltlichen Anmerkungen zum Text.
Von November 1933 bis Juli 1935 befand sich im Ulmer Fort Oberer Kuhberg (erbaut um 1850 als Teil der Bundesfestung Ulm) ein frühes nationalsozialistisches Konzentrationslager für das Land Württemberg. Dort waren mehr als 600 Regimegegner inhaftiert, unter ihnen der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Kurt Schumacher. Die Funktion des Lagers war es, die politischen und weltanschaulichen Gegner durch Terror in ihren Überzeugungen und ihrer Persönlichkeit zu brechen und die übrige Bevölkerung einzuschüchtern.
Unter den reichsweit etwa 80 frühen Konzentrationslagern ist es das Einzige in Süddeutschland, das in Gelände und Gebäude noch erhalten ist. Der Obere Kuhberg steht exemplarisch für den Übergang von der Demokratie zur NS-Diktatur und für die Anfänge der nationalsozialistischen Konzentrationslager.
Die KZ-Gedenkstätte wurde seit 1948 von überlebenden württembergischen KZ-Häftlingen als Idee entwickelt und in den 1970er-Jahren realisiert. Zu besichtigen sind heute die unterirdischen Häftlingsunterkünfte und Sonderhaftzellen, die Räume der KZ-Verwaltung sowie eine Dauerausstellung zur Geschichte des Ulmer KZ. Besuchergruppen werden nach Absprache individuell betreut; für Schulklassen steht ein breites Spektrum analytischer und kreativer Lernangebote zur Verfügung. Als Forschungs-, Lern- und Bildungsort ist das DZOK auch ein Zentrum kritischer Information zu zeithistorischen und aktuellen Themen. Die Geschäftsstelle mit Archiv und Bibliothek befindet sich in der Ulmer Innenstadt.
Mehr Informationen finden sich dazu auch auf der Webseite www.dzok-ulm.de
1 Gedenkstätten verfügen über eine einzigartige Sammlung von Quellen.
Gedenkstätten sammeln seit ihren Anfängen Quellen aus unterschiedlichsten Provenienzen, um die Geschichte des Nationalsozialismus am historischen Ort zu dokumentieren, die dort begangenen Verbrechen zu beweisen und die Erinnerung an die Opfer wach zu halten. Dank des großen Engagements von Lagergemeinschaften, Bürgerinitiativen, Forscherinnen und Forschern entstanden in den letzten Jahrzehnten bundesweit einzigartige Spezialarchive mit Materialien, die in keinem staatlichen oder kommunalen Archiv zu finden sind. Zeitzeugenberichte, private Fotos, persönliche Schrift- und Erinnerungsstücke, Briefe, Nachlässe, Objekte und andere sogenannte »Ego-Dokumente« vermitteln die Geschichte des Nationalsozialismus aus der unmittelbaren Sicht der Verfolgten und ihrer Nachfahren, und manchmal auch der Täter und Mitläufer. Zugleich vervollständigen diese Quellen die staatliche Überlieferung, die sehr oft gegen Kriegsende zerstört oder gezielt vernichtet wurde bzw. noch in der Nachkriegszeit dem fehlendem Bewusstsein oder der Abwehrhaltung von Beamten und Archivaren zum Opfer fiel.
Um trotz dieser schwierigen Quellensituation historische Fakten zu rekonstruieren, wurden an Gedenkstätten in mühseliger Forschungsarbeit und oft gegen Widerstände aus der Gesellschaft Ersatzdokumentationen geschaffen, die u.a. auch viele Kopien aus anderen Archiven enthalten. Auch die historische Entwicklung der Lagergemeinschaften und Gedenkstätteninitiativen, die Entstehung der Gedenkorte und die Geschichte der Erinnerung nach 1945 wird in Gedenkstätten besser dokumentiert als in kommunalen oder staatlichen Archiven.
Diese einzigartigen Zeugnisse der Geschichte für die Nachwelt zu erhalten, zu erschließen und zugänglich zu machen, muss eine der zentralen Aufgaben der Gedenkstättenarbeit in den kommenden Jahren sein.
2 Sammlungen in Gedenkstätten sind extrem heterogen. Gedenkstätten standen und stehen vor der besonderen Herausforderung, aus den ungeordneten Sammlungen der Anfangszeit nutzbare Archive zu machen.
In den Anfängen der Gedenkstätten wurden die unterschiedlichen Quellen oftmals von ehemals Widerständigen und Verfolgten sowie von Gedenkstätteninitiativen zusammengetragen. Ihr Umgang mit den Dokumenten war bisweilen eher emotional bzw. moralisch-politisch als wissenschaftlich motiviert. Der Aufbau eines Archivs war nur in seltensten Fällen geplant und archivarisches Fachwissen Mangelware. In der Entstehungsphase der Gedenkstätten wurden deshalb manche Herkunftsgeschichten der Materialien nur lückenhaft dokumentiert und Begleitinformationen mündlich kolportiert, die Dokumente nach inhaltlichen Gesichtspunkten ohne durchgehendes System abgelegt und selbst wertvolle Materialien in Schuhkartons unter konservatorisch fragwürdigen Bedingungen, manchmal sogar an verschiedenen Orten, gelagert. Nur in seltensten Fällen wurden schriftliche Vereinbarungen zwischen Leihgebern und Gedenkstätten darüber getroffen, wie die Quellen für die Arbeit genutzt bzw. veröffentlicht werden dürfen. Diese Umstände führten zu einer ungeordneten Sammlung, deren Archivierung besondere Herausforderungen birgt.
Viele Archive entstanden erst Jahre oder sogar Jahrzehnte nach Gründung der Gedenkstätten und es konnten bei chronischer finanzieller Unterversorgung, aber auch wegen anderer inhaltlicher Schwerpunktsetzungen (Aufklärung über die Geschichte des Ortes, erinnerungspolitische Debatten, Bildungsarbeit), keine ausgebildeten Archivarinnen und Archivare angestellt werden. Es fehlte an Fachpersonal und Zeit, die materiellen Zeugnisse fachgerecht zu ordnen, konservatorisch korrekt zu lagern und einheitlich zu erschließen, auch wenn seit den 1980er-Jahren ein allgemeiner Trend zur systematischen, themenorientierten Recherche, zur gezielten Biografie-Arbeit, zur wissenschaftlichen Aufarbeitung und Kommentierung der Dokumente einsetzte.
Die Umwandlung der Mahn- und Gedenkstätten der DDR nach der deutschen Einheit führte zu einer Entwicklung hin zu »zeithistorischen Museen mit besonderen Aufgaben«, die auch für die Einrichtungen in den alten Bundesländern einen Professionalisierungsschub mit sich brachte. Im Rahmen des Bundesgedenkstättenkonzeptes konnten ab 1998 Gedenkstätten, die in die Bundesförderung aufgenommen wurden, viele Projekte durchführen. Auch dank eines engen fachlichen Austausches konnte eine bessere Basis für die Archivarbeit geschaffen werden. Trotzdem ist die fachliche Besetzung und finanzielle Ausstattung der verschiedenen Sammlungsbereiche in Gedenkstätten nach wie vor ungenügend. Dies trifft vor allem auf die ehrenamtlich getragenen Gedenkstätten zu. Viele stehen heute vor der existenziellen Herausforderung, die zusammengetragenen Dokumente, Abbildungen, Objekte und Artefakte sachgerecht zu sichern, zu erschließen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ohne über die notwendigen Ressourcen und das erforderliche Know-how zu verfügen. Selbstkritisch sei angemerkt, dass bei den Mitarbeitenden in manchen Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen das Bewusstsein für die Bedeutung ihrer Spezialarchive (z.B. als Grundlage für die zukünftige Bildungsarbeit) wenig ausgeprägt ist.
3 Archivarbeit in Gedenkstätten ist von elementarer Bedeutung für die Zukunft.
Die materiellen Zeugnisse und Dokumente in den Gedenkstättenarchiven bilden das Rückgrat und das Fundament gegenwärtiger und zukünftiger Gedenkstättenarbeit – dies gilt für die historisch-wissenschaftliche Forschung ebenso wie für die Weitergabe von Informationen und die pädagogische Vermittlungsarbeit.
Historisch-wissenschaftliche Forschung: Die noch nicht geborgenen Schätze in Gedenkstättenarchiven, zu denen täglich neue hinzukommen, sind von elementarer Bedeutung für eine fundierte historische Aufarbeitung der NS-Zeit und ihrer Nachgeschichte. Gerade mit der Durchsetzung sozial- und kulturwissenschaftlicher Fragestellungen und Methoden, die nicht nur auf staatliche Akteure und Strukturen blickt, sondern individuelle Erfahrungen und Handlungen untersucht, bieten Gedenkstätten ein noch unerschlossenes Reservoir an Quellen. Diese Quellen bereichern auch die Geschichte der Gedenkstätten und Erinnerungsorte selbst nachhaltig. Hinzu kam in den letzten Jahren und Jahrzehnten eine verstärkte Sammlungstätigkeit zu neueren Fragestellungen der Forschung wie der Täterforschung, zu den NS-Prozessen oder zu der Frage nach dem Wissen und dem Verhalten der Bevölkerung. Auch die Nachnutzung und Gestaltung der historischen Orte sowie die Entwicklung der Erinnerungskultur rücken immer stärker in den Fokus der Wissenschaft. Ein gut sortiertes Archiv ist deshalb für externe Forscherinnen und Forscher unverzichtbar, aber auch eine essenzielle Grundlage für eigene Forschungsprojekte und Publikationen.
Auskunft/Information: Gedenkstätten benötigen Zugriff auf ihr gesamtes Quellenmaterial, um Anfragen von Angehörigen, Forschern, Journalisten, Filmemachern, Studenten und anderen interessierten Bürgerinnen und Bürgern präzise und umfassend beantworten zu können. Durch die Verzeichnung der Quellen in einem Datenbanksystem können Informationen und Dokumente sekundenschnell recherchiert, zielgenau aufbereitet und ggf. auch digital zur Verfügung gestellt werden. Durch eine professionelle Archivarbeit wird die Qualität der Beantwortung von Anfragen und der Betreuung von Archivnutzern also wesentlich verbessert. Sie dient Gedenkstättenmitarbeitern und -mitarbeiterinnen aber auch als wichtige interne Arbeitsgrundlage und als Erleichterung für ihre tägliche Arbeit.
Sammlungen als Grundlage für Ausstellungen: Gerade in den letzten Jahren haben Gedenkstätten von Überlebenden und deren Angehörigen zahlreiche Gegenstände erhalten. Die Bewahrung und Katalogisierung dieser und aller anderen Objekte stellt die Gedenkstätten vor große Probleme, sowohl was die Räumlichkeiten für eine fachgerechte Bewahrung als auch das Fachwissen zu einer ordnungsgemäßen Verzeichnung angeht. Ohne eine genaue und lückenlose Dokumentation der Provenienz können diese Objekte in Zukunft weder in Ausstellungen gezeigt, noch in anderer Form in die Bildungsarbeit integriert werden.
Pädagogische Vermittlungsarbeit: Auch in der pädagogischen Arbeit mit Jugendlichen gewinnt das materielle Erbe der Zeitzeugen und die Einbeziehung historischer Dokumente ein immer größeres Gewicht, um trotz fehlender Zeitzeugen den nachfolgenden Generationen die Bedeutung des Nationalsozialismus erkennbar zu machen und mit ihnen die Lehren für die Gegenwart herauszuarbeiten. Denn der authentische Ort erschließt sich nicht von allein, sondern nur unter gezielter Nutzung unterschiedlicher historischer Dokumente, die wertvolle Informationen zu den Geschehnissen im Nationalsozialismus und zum Umgang mit der Geschichte liefern. Eine lebendige Vermittlungsarbeit bedarf immer wieder neuer Materialien, die mit neuen Fragen und neuen Perspektiven auch neue Zugänge für jüngere Besuchergruppen ermöglichen. Um dies zu gewährleisten, ist ein enger Austausch zwischen pädagogischen und archivarischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erforderlich.
Archive sind folglich Garant und Basis einer zukunftsfähigen Erinnerungsarbeit. Noch mehr als jetzt sollten sich Gedenkstättenarchive öffnen, ihre Dokumente der Forschung zur Verfügung stellen und als Dienstleister für unterschiedliche Zielgruppen fungieren, damit ihr Potenzial auch wirklich ausgeschöpft werden kann.
4 Für die aktuelle Archivarbeit an Gedenkstätten birgt das Internet besondere Chancen – es gilt dabei aber auch einiges zu beachten.
Am leichtesten zugänglich sind Informationen zu NS-Opfern und den historischen Orten im Internet. Angehörige und Forscher aus der ganzen Welt nutzen die Vorteile von Online-Verzeichnissen, Datenbanken und Apps. Gerade für jüngere Menschen – Angehörige der zweiten und dritten Generation genauso wie Schülerinnen und Schüler – bietet das Internet ein geeignetes Medium zur Information, Auseinandersetzung und Kontaktaufnahme. Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ergibt sich durch gezielte Recherchen an unterschiedlichsten Orten die Möglichkeit, Informationen zu verknüpfen und damit neue Forschungserkenntnisse zu gewinnen. Auch für die interne Gedenkstättenarbeit sind Datenbanken von unschätzbarer Bedeutung: Sekundenschnelle Recherchen am Schreibtisch ersetzen das mühsame Durchblättern von Karteikarten oder Listen in den Archiven.
Im Zeitalter der Digitalisierung und Bilderflut, in der Informationen leicht zugänglich und öffentlich gemacht bzw. historische Dokumente per Mausklick reproduziert werden können, wirft sich aber drängend die Frage nach einem verantwortungsvollen Umgang mit sensiblen Informationen auf. Entscheidende Voraussetzungen für eine Veröffentlichung im Internet sind, dass die im Netz dargestellten Daten historisch überprüft sind, dass die Interessen der Überlebenden und Familienangehörigen gewahrt bleiben und dass rechtliche Vorschriften zum Datenschutz eingehalten werden. Nicht alle sensiblen Daten, die zur Verfügung gestellt werden können, sollten automatisch öffentlich gemacht werden. Schon bei der Anlage von Datenbanken gilt es zu unterscheiden, welche Informationen intern bleiben und welche Daten veröffentlicht werden sollen.
Gleichzeitig ist das Feedback der Angehörigen auf die Veröffentlichung der Daten äußerst positiv. Ihre Informationen in Reaktion auf Online-Veröffentlichungen sind für die Korrektur und Ergänzung der Daten von unschätzbarem Wert.
5 Archivarbeit in Gedenkstätten muss JETZT höchste Priorität haben.
In wenigen Jahren werden die letzten Zeitzeugen des Nationalsozialismus endgültig verstummt sein, an vielen Orten ist dies schon jetzt der Fall. Sie haben im direkten Gespräch unmittelbar von ihren Erfahrungen im Nationalsozialismus berichtet. Um auch ohne sie die Geschichte der Verfolgungsstätten und Täterorte zukünftigen Generationen vermitteln zu können, die Erinnerung wach zu halten und weitere Forschung zu ermöglichen, wird das materielle Erbe der Zeitzeugen – ihre Berichte, Nachlässe inklusive Objekte, Interviews, Dokumente, Fotos und andere Quellen – noch stärker als bisher in die Gedenkstättenarbeit einfließen müssen.
Erschwerend hinzu kommt ein Generationswechsel in den Gedenkstätten. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in den 1980er und 1990er-Jahren ihre Einrichtungen aufgebaut haben und denen die Quellen von den Überlebenden der NS-Zeit anvertraut wurden, ziehen sich altersbedingt aus der Arbeit zurück. Diejenigen, die nachfolgen, können die Bestände wegen der oben skizzierten Defizite nicht immer korrekt einordnen und in ihre Arbeit einbeziehen. Gerade in Gedenkstätten, in denen einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Gedächtnis der Einrichtung bildeten, droht das Wissen um die gesammelten Quellen, ihre Herkunft und ihre Hintergründe verloren zu gehen. Um dem entgegenzutreten, müssen die Archive noch möglichst vor dem Generationswechsel geordnet und erschlossen und das bei den Mitarbeitern oder noch lebenden Zeitzeugen vorhandene Wissen um die Bestände in elektronischen Datenbanken eingearbeitet und für eine zukünftige Nutzung bereitgestellt werden. Alles, was jetzt nicht fachlich gesichert wird, ist für die Bearbeitung in der Zukunft verloren. Ziel muss dabei auch sein, die Dokumentation so anzulegen, dass die Einrichtung nicht (mehr) vom Wissen Einzelner abhängig ist.
Gleichzeitig müssen mit Digitalisierung und sachgerechter Lagerung Maßnahmen getroffen werden, um dem natürlichen Verfallsprozess der Materialien entgegenzuwirken und sie so dauerhaft zu bewahren. Gerade Artefakte sind häufig aus fragilen Materialien und befinden sich in einem besorgniserregenden Verfallsprozess. Auch Papier ist nicht so geduldig, wie man denkt und die richtige Lagerung kann entscheidend dazu beitragen, dass die Dokumente auch für zukünftige Generationen erhalten bleiben.
Während viele ältere Dokumente noch unerschlossen sind, wächst das Quellenmaterial in großem Umfang weiter, etwa durch Auswertungen bislang gesperrter Aktenbestände oder den Zugang zu bislang verschlossenen Archiven, durch letzte biografische Interviews mit Überlebenden oder durch Übergabe von Nachlässen durch Angehörige. Die Kinder- und Enkelgeneration von Tätern und Mitläufern ist nun stärker bereit als noch vor einigen Jahren, ihre privaten Unterlagen Gedenkstätten zur Verfügung zu stellen und ihre familienbiografischen Erfahrungen mitzuteilen. Doch solange die wenigen haupt- und vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Gedenkstätten keine Zeit haben, diese neu erworbenen Quellen zu erschließen, solange diese nicht zugänglich gemacht werden können, sind sie für die Gedenkstätten und die Öffentlichkeit wertlos, denn nur erschlossene Quellen können genutzt werden.
Aus diesen vier Gründen ergibt sich, dass die Gedenkstätten spätestens jetzt ihre Quellen dauerhaft sichern und erschließen müssen, denn sonst werden sie in Zukunft nicht mehr genutzt werden können. Archivarbeit darf keine »Randtätigkeit« einzelner sein, die irgendwie nebenher erledigt wird. Ihr muss mehr Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet und in der Abwägung der vielen dringlichen Aufgaben eine höhere Priorität eingeräumt werden.
6 Archivarbeit in Gedenkstätten kostet Geld und braucht Lobbyarbeit – ist aber nicht unerschwinglich.
Die hohe Bedeutung der Archivarbeit muss sich in Zukunft mehr als bisher auch in den Fördertöpfen der Länder und in der Bundesgedenkstättenförderung niederschlagen.
Das Beispiel Baden-Württemberg mag dies verdeutlichen: In den Förderrichtlinien des Landes Baden-Württemberg für Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen von Juli 2009 etwa wurde zwar eine dauerhafte, fachgerechte Archivierung von Materialien unter dem Punkt 7.3.1 »Wissenschaftliche Forschung und Dokumentation« als förderungswürdig festgeschrieben. Jedoch reicht die geringe Höhe der zu vergebenden Projektmittel nicht aus, um das Problem kontinuierlich und flächendeckend anzugehen. In der Vergangenheit hat die Baden-Württemberg Stiftung vereinzelt größere Archivprojekte von Gedenkstätten gefördert. Sie stellt aber ihre Kriterien um und es wird in Zukunft noch schwieriger sein als bisher, hierfür Mittel zu akquirieren.
Bei privaten Stiftungen ist es grundsätzlich wesentlich leichter, Gelder für pädagogische Projekte einzuwerben als für Archivvorhaben. Hier hat sich ausgezahlt, dass die Gedenkstätten in den letzten Jahrzehnten die Notwendigkeit pädagogischer Arbeit durch engagierte Aufklärungsarbeit in das Bewusstsein von Öffentlichkeit und Geldgebern gerückt haben. Nun gilt es eine Strategie zu entwickeln, wie die Bedeutung der Archivarbeit als Grundlage für Bildungsarbeit und Forschung am besten vermittelt werden kann.
Es scheint deshalb dringend erforderlich, dass sich die Gedenkstätten darüber verständigen, wie eine sinnvolle Lobbyarbeit gegenüber Kommunen, Ländern, Bund und privaten Geldgebern aussehen kann, mit dem klaren Ziel, auch die Archivarbeit entsprechend ihrer großen Bedeutung nachhaltig zu fördern. Es gilt sich darüber zu verständigen, ob in diesem Zusammenhang die Bundesgedenkstättenkonferenz bzw. auf Landesebene die Landesarbeitsgemeinschaften der Gedenkstätten diese Rolle übernehmen können oder ob andere Formen der Lobbyarbeit besser geeignet wären. Unabhängig davon, wer die Arbeit übernimmt, ist es notwendig, mit einer guten Öffentlichkeitsarbeit die Bedeutung der in den Gedenkstätten lagernden Schätze und die Notwendigkeit der Archivarbeit Politik und Öffentlichkeit stärker bewusst zu machen. Darüber hinaus müssen alle Gedenkstätten die Suche nach existierenden Fördermöglichkeiten ausweiten und aktiv angehen, etwa auch durch gezieltes Ansprechen von Sponsoren.
Archivarbeit verursacht Kosten – vor allem durch die damit betrauten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Anschaffung konservatorisch sinnvoller Verpackungen und einer geeigneten Archivsoftware sowie die Lagerung der Materialien in geeigneten Räumlichkeiten. Doch auch mit wenigen Mitteln kann schon einiges erreicht werden, zum Beispiel durch die Digitalisierung von Fotos mit einem handelsüblichen Scanner, die grobe Erfassung der Quellen in Inventarisierungslisten oder kostenlosen Datenbankprogrammen und die Berücksichtigung grundlegendster Anforderungen an die Lagerung und Verpackung. Deshalb sollten sich gerade die kleinen und finanziell schlecht ausgestatteten Gedenkstätten nicht von den Kosten abschrecken lassen, denn jeder kleine Schritt, der gemacht wird, ist besser, als nichts zu tun.
7 Archivarbeit in Gedenkstätten muss sich an professionellen Standards orientieren.
Für eine sachgerechte Archivarbeit in Gedenkstätten müssen grundlegende Standards der Archivierung eingehalten werden, um den inhaltlichen und ideellen Wert und den äußeren Erhaltungszustand der Sammlungen dauerhaft zu bewahren. Dabei gilt es jedoch, die allgemein geltenden Standards in klassischen Archiven und Museen an die besonderen Anforderungen von Gedenkstättensammlungen anzupassen. Bei dem sehr heterogenen Sammlungsgut in Gedenkstätten spielen Originalität und Provenienz oft eine geringere Rolle als in klassischen Archiven. Die historischen Hintergründe und Zusammenhänge der Quellen sind dafür für ihr Verständnis und ihre Deutung umso wichtiger. Um eine umfassende Auswertung der Quellen gewährleisten zu können, ist zudem eine besonders tief gehende Erschließung der Archivalien notwendig bzw. wünschenswert, die weit über die Verzeichnungsansprüche klassischer Archive hinausgeht. Die Bandbreite der zu erschließenden Quellengruppen ist in der Regel groß: Schriftgut, Egodokumente, Plakate, Fotos, Filme und Tondokumente. Dreidimensionale Objekte sind – anders als im Museumsdepot – bei vielen Gedenkstätten eher weniger zu finden. Wie Archive und Museen müssen auch Gedenkstättenarchive ein klares Profil entwickeln, an dem sich ihre Sammlungstätigkeit und Entscheidungen über die Archivwürdigkeit von Materialien orientiert.
Die Pflege solcher Sammlungen ist besonders arbeitsintensiv und erfordert ein hohes Maß an Fachkompetenz und Flexibilität. Dabei kommt technischen Aspekten eine immer größere Bedeutung zu. Voraussetzung für eine erfolgreiche Archivarbeit ist deshalb die generelle Bereitschaft zur Professionalisierung, sei es durch Einstellung ausgebildeter Archivare, Dokumentare und Museologen oder durch Weiterbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dem steht aber die schlechte materielle und personelle Ausstattung der Gedenkstätten entgegen. Um dieses Dilemma zu lösen, müssen Gedenkstätten gemeinsam innovative Lösungen erarbeiten und miteinander teilen, die den Möglichkeiten und Bedürfnissen der Gedenkstätten entsprechen und die Archivarbeit möglichst einfach, kostengünstig und nachhaltig gestalten.
8 Archivarbeit in Gedenkstätten erfordert Kooperationen und Vernetzung mit anderen Institutionen.
Aus dem Spannungsverhältnis zwischen den wenigen Mitteln und der Dringlichkeit der Aufgaben ergibt sich die Notwendigkeit, bei der Erarbeitung und Weitergabe von Lösungen stärker als bisher mit anderen Institutionen zusammenzuarbeiten. Kooperationen und Vernetzungen können im Zusammenhang mit Wissenstransfer und Informationsaustausch, aber möglicherweise auch im Hinblick auf die Bereitstellung von Infrastruktur, die für die Erschließung und Nutzung der Quellen notwendig ist, sinnvoll sein. Kosten könnten etwa durch Sammelbestellungen von Archivmaterialien oder gemeinsamer Anschaffung von Software reduziert werden. Denkbar wäre z.B. für kleine bürgerschaftliche Gedenkstätten auch ein zentralisiertes Archiv innerhalb eines Gedenkstättenverbundes, in dem die unterschiedlichen Quellen an einem Ort zusammengeführt und in einem Datenbanksystem erschlossen werden, ohne dass ihre Herkunft und Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gedenkstätte verloren geht. Individuell zu prüfen ist auch, inwieweit Gedenkstätten mit gut aufgestellten und kooperationswilligen Kommunalarchiven zusammenarbeiten können. Gerade die Kooperation mit Archiven hinsichtlich der Papierrestaurierung oder mit Museen zur Lagerung von Objekten ist bei der Bewältigung dieser Aufgaben eine große Hilfe.
So ist diese These auch ein Appell an die Gedenkstätten, offen über sinnvolle Synergieeffekte von Kooperationen zu diskutieren und gemeinsam Wege zu entwickeln, wie sich die Professionalisierung von Archivarbeit mit dem bürgerschaftlichen Charakter vieler Gedenkstätten vereinbaren lässt. Damit die Kluft bei der Lösung existenzieller Arbeitsaufgaben nicht noch größer wird, brauchen wir – verbunden mit der Vernetzung – einen Wissenstransfer von denjenigen Gedenkstätten, die in der Archivarbeit schon weiter sind, zu denen, die damit noch am Anfang stehen. Die Diskussion darf deshalb nicht bei dieser ersten Bestandsaufnahme stehen bleiben, sondern muss in konkrete Maßnahmen münden, wie z.B. die Entwicklung und Durchführung von Fortbildungsangeboten sowie die Herausgabe von praxisorientiertem Anleitungsmaterial. Hilfreich wäre außerdem die Einrichtung von Beratungsstellen für die praktische Arbeit und Unterstützung bei Projektanträgen. Das 60. Bundesgedenkstättenseminar hat gezeigt, wie groß der Bedarf ist – es kommt jetzt darauf an, diesen wichtigen Impuls in die Praxis umzusetzen.
Ulrike Holdt, Historikerin und Archivarin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm, KZ-Gedenkstätte.
Nicola Wenge, Dr. phil., Historikerin, ist Leiterin des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg Ulm, KZ-Gedenkstätte, und Mitglied im Sprecherrat der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Gedenkstätteninitativen Baden-Württemberg.