Aufgrund der Nähe zur damaligen Reichshauptstadt Berlin befinden sich in Brandenburg außergewöhnlich viele Denkmale aus der Zeit des Dritten Reiches. Einen besonderen Stellenwert nehmen hierbei die Konzentrationslager und andere Internierungslager ein, da sie sowohl Orte der Erinnerungskultur als auch der Geschichtsvermittlung über die Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus sind. Eine Vermittlung politischer Bildung im Sinne einer Warnung vor Ausgrenzung ganzer gesellschaftlicher Gruppen ist gerade heute angesichts der nach Deutschland kommenden Flüchtlinge wichtiger denn je.
Die Erinnerungspraxis abseits der historischen Orte und ihrer materiellen Hinterlassenschaften erscheint heute jedoch kaum mehr vorstellbar. Der Wunsch nach anschaulicher Vergegenwärtigung führte zur »Wiederentdeckung« einer Vielzahl bislang unbeachteter Stätten. Einen wesentlichen Beitrag zu dieser »Spurensuche« leisteten lokale bürgerschaftliche Initiativen. Diese Entwicklung stellte die Bodendenkmalpflege und damit auch die archäologische Forschung vor neue Herausforderungen.
Aus diesem Grund veranstaltete das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum (BLDAM) in Kooperation mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, der Berliner Stiftung Topographie des Terrors, dem Büro für Zeitgeschichte und Denkmalpflege Berlin sowie dem Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie der Universität Wien eine dreitägige und interdisziplinäre Tagung zu dieser Denkmalgruppe im Archäologischen Landesmuseum Brandenburg a.d. Havel. Das Programm umfasste sechs Vortragspanels zu verschiedenen Unterthemen, deren Beiträge als monografischer Tagungsband demnächst erscheinen sollen. Abgerundet wird die von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ) geförderte Tagung durch zwei geführte Exkursionen zum ehemaligen KZ-Außenlager Falkensee bei Berlin-Spandau sowie zur Gedenkstätte am Tagungsort für die Opfer der Euthanasie-Morde.
Nach der Begrüßung durch den Landesarchäologen Franz Schopper (BLDAM) sowie den Geleitworten von Staatssekretär Martin Gorholt (Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur) und Oberbürgermeisterin Dietlind Tiemann (Stadt Brandenburg a.d. Havel) folgten zwei Einführungsvorträge von je ca. 45 Minuten, die einen umfassenden Überblick zum Thema gaben. Claudia Theune-Vogt (Universität Wien) sprach über Zeitgeschichtliche Archäologie in ehemaligen Konzentrationslagern im Spannungsverhältnis zwischen Forschung, Denkmalpflege und Gedächtnis, Günter Morsch (Brandenburgische Gedenkstätten) über die Bedeutung der Archäologie für Forschung, historische Ausstellungen und pädagogische Vermittlung an Gedenkstätten. Dabei waren es vor allem seine pointierten, gewollt »provokanten« Forderungen, wie Standardsenkungen bei Grabungen in Gedenkstätten, Fundverbleib zur pädagogischen Arbeit bei diesen, Freilassen nach Freilegung, gegen einen »Alleinvertretungs-Anspruch« der Archäologie etc., die im Verlauf der Tagung immer wieder die Diskussion anregten, weil sie die unterschiedlichen Herangehensweisen auf den Punkt brachten.
Es schlossen sich 17 Vorträge à 20 Minuten in sechs thematischen Panels an, wobei jeweils ausreichend Zeit zur Diskussion im Anschluss vorgesehen war, die auch lebhaft genutzt wurde.
Das erste Panel richtete sich vor allem auf die Frage, welche spezifischen Erkenntnisdimensionen Ausgrabungen an solchen Stätten für die Archäologie liefern. So zeigte Barbara Hausmair (Universität Konstanz) am Beispiel der Forschungsgrabungen im KZ Mauthausen, welchen »Mehrwert« die Archäologie zur Geschichte beiträgt. Dies wurde u.a. eindrucksvoll anhand einer Kartierung der Versorgungsnetzwerke nachvollziehbar, wo archäologische Objekte die Schriftquellen ergänzen. Auch Axel Drieschner (Büro für Zeitgeschichte und Denkmalpflege Berlin) belegte den Quellenwert von zeithistorischen (bau)archäologischen Befunden als sinnliche Veranschaulichungen, Ergänzungen, Korrekturen und Beglaubigung von aus anderen Quellen gewonnenem Wissen. »Funde und Befunde seien quasi materielle Speichermedien«. Ronald Hirte (Gedenkstätte Buchenwald) gelang es in einem performativen Beitrag ohne die übliche Bilder-Präsentation »Dinge von Belang. Fundstücke als Zugang zum Lageralltag« vorzustellen und welche spezifischen Informationen und Anschauungswerte sie im Einsatz in der Geschichtsvermittlung bringen – indem er exemplarisch originale Fundstücke im Auditorium kursieren ließ. Deren Geschichte ließ unmittelbar den Gegensatz zur Archäologisierung oder Verwissenschaftlichung der Dinge (»Archaeosphäre«) spürbar werden – das erforschte Leid steht zwangsläufig in einem ständigen Missverhältnis zum erlittenen Leid. Neben der zufälligen gibt es auch eine intendierte Überlieferung, was absichtlich vergrabene »Kassiber« belegen, die die Nachwelt zum Suchen auffordern.
Im zweiten Panel stand vor allem der Umgang der archäologischen Bodendenkmalpflege mit dieser Quellengattung – »zwischen Erhaltungs- und Forschungsauftrag« – im Vordergrund. Einen Überblick über die Vorgehensweise in Brandenburg lieferte hierzu Thomas Kersting (BLDAM). So werden Lagerreste im »Öffentlichen Interesse« als »ganz normale« Bodendenkmale behandelt, die andererseits aber angesichts des großen Interesses der Öffentlichkeit eben doch nicht so ganz normal sind. Als Beispiele aus der praktischen Bodendenkmalpflege sind die bauvorgreifenden Untersuchungen von Johannes Weishaupt (WHP Archäologiebüro) an verschiedenen Brandenburger KZ-Gedenkstätten (vor allem in Sachsenhausen) zu nennen. Im Gegensatz zu diesen minimalinvasiven Grabungen steht das umfangreiche internationale, von Dariusz Pawlos (Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung) vorgestellte Forschungsprojekt in Sobibor, wo umfassend ein »verschwundenes« Vernichtungslager freigelegt wurde. Eine eindrucksvolle Poster-Austellung im Garten des Pauliklosters begleitete diesen Vortrag.
Das dritte Panel befasste sich mit der Frage, wie umfassend Bodendenkmale zu erhalten sind und was sie umfassen. Hinsichtlich der Fundmassen von zeitgeschichtlichen Grabungen und deren problematischer Konservierung versuchte Anne-Kathrin Müller (BLDAM) Sampling-Strategien aufzuzeigen. Mit der wichtigen Quelle der Friedhöfe und den dort geborgenen menschlichen Überresten setzten sich Insa Eschebach und Amélie zu Eulenburg (Gedenkstätte Ravensbrück) auseinander und zeigten deren problematische Stellung im Spannungsfeld zwischen Forschungsinteressen, Ruherecht und Grabpflegepragmatismus auf. Eindrucksvoll war u.a. die Schilderung noch heute geübter Praxis, Erinnerungsorte mit Originalmaterialien (sacred soil, sacred ashes) »aufzuladen« (bis hin zum Mahnmal für die Opfer von 9/11 in New York).
Der zweite Tagungstag begann mit dem Panel »Wie Spuren und Reste von Lagern sichtbar machen bzw. halten?«. Hier konnte Andrea Kaltofen (Gedenkstätte Esterwegen) im wahrsten Sinne »Lagerreste zeigen« und Johannes Ibel (Gedenkstätte Flossenbürg) die »Einbeziehung archäologischer Relikte in die Gedenkstättenpräsentation« präsentieren, wobei jeweils die starke Einwirkung gestalterischer Ideen auf die Originalsubstanz deutlich wurde und Konzeptwechsel sich zusätzlich negativ auswirken. Anke Binnewerg (Dresden) fragte mit Recht, ob wir angesichts der inhaltlichen Unschärfen der Präsentation baulicher Zeugnisse an Gedenkstätten auf diese Weise »Quellen machen?« und stellte fest, dass bei der »Erschließung und Präsentation baulicher Zeugnisse« eine vorgefasste Interpretation ungewollt zum »Befund« werden kann.
Im fünften Panel zu Vermittlungskonzepten archäologischer Funde und Befunde führte Simone Loistl (Gedenkstätte Hartheim) die Rolle archäologischer Fundstücke als museale und pädagogische Präsentations- und Vermittlungsmittel an Gedenkstätten mithilfe eines eindrucksvollen Films aus der Jugendarbeit vor, wo auch erzählende Teetassen und andere Originale sprechende Rollen spielen. Andreas Ehresmann (Gedenkstätte Lager Sandbostel) zeigte, dass »Archäologie in der pädagogischen und musealen Vermittlungsarbeit in der Gedenkstätte Lager Sandbostel« schon lange eine wichtige Rolle spielt, aber auch Probleme der Konservierung, etwa die Methode des »kontrollierten Verfalles«, aufwirft, und häufig zahlreiche Zeitschichten gleichzeitig sichtbar und zu erklären sind. Daniel Gaede (Gedenkstätte Buchenwald) ließ bei seinem Beitrag »Visualisierung des Unsichtbaren. Darstellungsformen verdeckter Lagerstrukturen« statt Bildern in eindrucksvoller Weise Gegenstände sprechen, um zu verdeutlichen, dass es völlig andere Zugänge zu den Vermittlungszielen gibt.
Im letzten Vortragspanel begann Juliane Hummel (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten) die »Aspekte und Perspektiven im Umgang mit den archäologischen Relikten der Gedenkstätte Bergen-Belsen« zu schildern. Hier reicht die Spannweite vom Erleben des Lagers per mobilem Tablet mit Gelände-App bis zu offen liegenden Strukturen, deren Schutzdach nicht finanzierbar ist. In ihrem und dem folgenden Beitrag wurde greifbar, wie sehr Archäologie an Gedenkstätten im Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen, Methoden und Standards steht. Jens Nagel (Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain) zeigte, wie die »Geschichtslandschaft Kriegsgefangenenlager Zeithain« als »Erinnerungsort an die Verbrechen der Wehrmacht versus Naturschutz« einerseits von Letzterem in der Entwicklung behindert wird, was aber andererseits auch zur Konservierung der originalen Reste beiträgt. Henning Haßmann (Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege) zeigte abschließend noch einmal die »Grenzen des Machbaren« auf, indem er das »Problem der großen Zahl von Lagerresten« im Umgang der Landesarchäologie mit zahlreichen Beispielen erläuterte.
Den Abschluss bildete eine Schlussdiskussion unter dem Leitthema »Historische Orte erforschen, erhalten und vermitteln; wie künftig mit ihnen umgehen?«. Ein Statement seitens der Gedenkstätten formulierte Jens-Christian Wagner (Geschäftsführer Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten), es folgten Statements seitens der archäologischen Denkmalpflege durch Henning Haßmann (Landesarchäologie Niedersachsen) und Franz Schopper (Landesarchäologie Brandenburg). Allgemein wurde vor allem Interdisziplinarität gefordert. So seien etwa mehr Planstellen für Archäologen an Gedenkstätten wünschenswert. Auch sollte ein bundesweites Konzept entwickelt werden, das den Umgang mit Funden, deren Konservierung und Betreuung klärt. Deren Bedeutung für die archäologische Forschung zeigte nicht zuletzt das Beispiel Mauthausen. Bezüglich der Frage »Was erhalten wir? Was vermitteln wir? Was erzählen uns die Relikte?« und damit auch indirekt der Frage »Was erforschen wir?« gilt es Mut zur Ratio zu beweisen. Besonders der Aspekt der Erzählung stehe im Vordergrund, nicht nur die Versinnbildlichung und Selbstinterpretation durch den Gedenkstättenbesucher. Dennoch soll nicht zwangsläufig der Rekonstruktion vor den originalen baulichen Überresten den Vorzug gegeben werden, wobei durchaus ein Unbehagen angesichts des vielfach zu beobachtenden »Fleckenteppichs aus Zeitfenstern und Nachzeichnungen« zum Ausdruck kam.
Hinsichtlich der Bodendenkmalpflege wird schließlich eine flächige Inventarisation gefordert, die erst einen umfassenden Schutz dieser wichtigen Denkmalgruppe im Rahmen der Bauleitplanung ermöglicht – in Brandenburg ist man auf diesem Wege schon sehr weit, hier macht sich wie so oft die unterschiedliche Herangehensweise und Schwerpunktsetzung in den einzelnen, für den Denkmalschutz zuständigen Bundesländern negativ bemerkbar.
Am Ende bestand weitgehende Einigkeit, dass Gedenkstätten und Landesarchäologie ein gemeinsames Interesse an Erhaltung und Vermittlung haben, es aber keine Hierarchie der Belange geben darf. Hier können (schon allein zuständigkeitshalber) keine bundesweiten Standards des Umgangs mit den Originalrelikten entwickelt werden, sondern dieser muss im Einzelfall pragmatisch und auf Augenhöhe ausgehandelt werden. Die Gedenkstätten dürfen einerseits ihre originalen Ressourcen nicht in der täglichen Bildungsarbeit verbrauchen, die Landesarchäologien müssen aber auch dem Sonderstatus dieser nicht ganz »normalen« Bodendenkmale Rechnung tragen, wobei sie von ihrer emotionalen Qualität in der Vermittlung auch selber profitieren können. Hier wird in Brandenburg bei der Kooperation zwischen Gedenkstätten und Denkmalamt schon ein erfolgreicher neuer Weg beschritten. Ein solcher direkter Bezug der Archäologie zur gesellschaftlichen Realität bezüglich politischer Bildung ist neu und wertvoll. Doch bleibt gültig, dass mit der »Minimierung der Relikte die Maximierung ihrer Bedeutung« (G. Morsch) einhergeht.
Dr. Christoph Lobinger studierte Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie in München und ist derzeit als wissenschaftlicher Volontär am Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum angestellt.