Im Rahmen der zunehmenden Institutionalisierung – wenn auch auf niedrigem Ausstattungsniveau – und Professionalisierung der Gedenkstätten ist es zwangsläufig, eine bessere Koordination und Zusammenarbeit der im Bildungsbereich der Gedenkstätten Tätigen anzustreben. Dies ist auch wünschenswert, da die Beschäftigungsverhältnisse vieler Pädagogen sehr unterschiedlich sind, sich aber oft durch die Gemeinsamkeit einer Befristung und damit der Diskontinuität auszeichnen. Gerade dieser Umstand macht die Notwendigkeit des Kontaktes untereinander und der Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung besonders offensichtlich. Darüber hinaus steigen die Erwartungen und Ansprüche von außen an die Bildungsarbeit in Gedenkstätten immer weiter an, und die pädagogischen Mitarbeiter sehen sich vor Herausforderungen gestellt, die trotz aller Unterschiede zwischen den historischen Orten und den Einrichtungen doch in vieler Hinsicht übereinstimmen. Um auf diese Anforderungen adäquat reagieren und die inhaltliche Arbeit verbessern zu können, ist gerade für die Einzelpersonen oder kleinen Teams, die vor Ort die tägliche Arbeit verantworten, ein Austausch und eine bessere Zusammenarbeit sehr hilfreich.
Auf diese aktuellen Tendenzen in der Gedenkstättenarbeit hat die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz mit einer gedenkstättenpädagogischen Tagung im letzten Oktober reagiert. Das von Wolf Kaiser, Leiter der pädagogischen Arbeit dieser Bildungsstätte, und Bernhard Schoßig, pädagogischer Leiter des Jugendgästehauses in Dachau, entwickelte Programm sah für die drei Seminartage sowohl eine inhaltliche Fortbildung, ein Bildungsforum als auch eine Diskussion um eine Verstetigung der Koordination und Kooperation vor.
Am Ende der Tagung hat sich unter den etwa 60 Anwesenden eine Gruppe gebildet, die sich letzterer Aufgabe intensiver annehmen möchte. In ihr arbeiten mit: Regina Gabriel (Gedenkstätte Hadamar), Daniel Gaede und Helmut Rook (Gedenkstätte Buchenwald), Wolf Kaiser (Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz), Thomas Lutz (Stiftung Topographie des Terrors), Jens Michelsen (KZ-Gedenkstätte Neuengamme), Gunnar Richter (Gedenkstätte Breitenau) und Bernhard Schoßig (Jugendgästehaus Dachau).
Die hier Genannten haben sich im Dezember 2000 zu einem ersten Treffen zusammengefunden. Zunächst wurde eine Bestandsaufnahme der Bereiche, in denen eine übergreifende Zusammenarbeit hilfreich sein könnte, vorgenommen. Drei Bereiche haben sich hierbei herausgeschält:
- Die Planung und Durchführung von bundesweiten Gedenkstättenseminaren, die sich mit Gedenkstättenpädagogik beschäftigen, in etwa zweijährlichem Turnus
- Initiierung und Koordination von Diskussionsforen und Fortbildungsveranstaltungen zu spezifischen Themen
- Lobby für die Gedenkstättenpädagogik und deren inhaltliche Ausrichtung, auch im internationalen Diskurs
Die Mitglieder der AG haben ein konkretes inhaltliches Spektrum für ein bundesweites Gedenkstättenseminar aufgelistet. Ein Termin für Frühjahr 2002 ist bereits ins Auge gefasst. Aufgrund der Erfahrungen der letzten Seminare, die sich vor allem bei pädagogischen Themen sehr großen Zuspruchs erfreut haben, ist daran gedacht, diese Veranstaltung eher in Form eines Kongresses zu organisieren. Das hätte zudem den Vorteil, dass man auf die vielfältigen inhaltlichen Wünsche an eine solchen Tagung flexibler reagieren kann. Während des nächsten Treffens der AG im März werden hierzu die grundlegenden Verabredungen getroffen.
Die Ansprüche an den inhaltlichen Austausch und die gegenseitige und externe Fortbildung sind so vielfältig wie die Spannbreite der Gedenkstättenpädagogik. Sie reichen von inhaltlichen Fragestellungen, z.B. in wie weit die NS-Verbrechen mit anderen Diktaturen verglichen werden können, über die Bearbeitung didaktischer Fragestellungen, wie etwa eine interkulturelle Gedenkstättenarbeit in Deutschland vonstatten gehen kann, bis hin zum Austausch über methodische und praxisorientierte Erfahrungen mit neuen Methoden oder Medien oder der Evaluation der Arbeit.
Die Pädagogik-AG schlägt vor, in Anknüpfung an die bestehende Praxis und im Wissen um die eigenen Kapazitätsgrenzen vor, diese Veranstaltungen grundsätzlich in regionalen oder thematischen Zusammenhängen durchzuführen und den überregionalen Diskurs auf die zweijährlichen bundesweiten Seminare zu konzentrieren. Allerdings wäre eine bessere Koordination und eine weitere Verbreitung der Programme auch an Interessenten aus anderen Regionen wünschenswert. Hierzu bietet sich das GedenkstättenForum im Internet an (www.topographie.de/gedenkstaettenforum). Allerdings ist die Nutzung bisher noch nicht optimal. Wünschenswert wäre es, wenn sich Kolleginnen oder Kollegen bereit finden würden, diese Übersicht, aber auch die Diskussion bestimmter Themenkomplexe, unter Nutzung der elektronischen Möglichkeiten des Internets inhaltlich zu moderieren. Bisher stößt dies aber leider an die Kapazitätsgrenzen der in der AG Mitarbeitenden.
Gerade mit der Zunahme des gewalttätigen Rechtsextremismus, der Fremdenfeindlichkeit und des Antisemitismus werden die politischen und moralischen Ansprüche an Gedenkstätten, diesen Entwicklungen entgegen zu treten, immer größer. Dabei fällt es schwer, gegenüber der Öffentlichkeit – Medien, Politik, Verwaltung – deutlich zu machen, dass es immer noch eine sehr große Kluft zwischen den immensen Ansprüchen an die Gedenkstätten und deren tatsächlicher Ausstattung gibt. Zudem muss noch stärker im Vorfeld des Besuchs von Gedenkstätten auf die Möglichkeiten – aber auch Grenzen – der Bildungsarbeit in diesen Zusammenhängen hingewiesen werden.
In dem gesellschaftlichen Umgang mit Gedenkstätten in Deutschland spiegelt sich der internationale Diskurs wider. Die »Holocaust-Education«, die z.B. über die »Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research« – durchaus gut gemeint – weltweit als das Modell für den Umgang mit der NS-Geschichte propagiert wird, wird auch von einigen Politikern in Deutschland zum Vorbild genommen. In Gesprächen mit ihnen wird deutlich, dass sie die vielfältige gewachsene Arbeit der Gedenkstätten bisher kaum kennen und daher nicht wertschätzen können. Zudem ist in der Öffentlichkeit kaum ein Verständnis dafür vorhanden, dass eine pädagogische Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen nur dann auf Dauer sinnvoll ist, wenn man den historischen Zusammenhang nicht außer acht lässt und bei der heutigen Bildungsarbeit in Deutschland auch die Entwicklung der Erinnerungskultur mit bearbeitet, in der Etablierung von Gedenkstätten eine bedeutende Rolle gespielt hat.
Die Bemühungen der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft, den innerhalb der Zwangsarbeiterentschädigungstiftung aufzubauenden Fonds »Erinnerung und Zukunft« für ihre inhaltlichen Vorstellungen zu nutzen und – oberflächlich und verkürzt ausgedrückt – Projekte zu fördern, die sich wenig konkret mit der Geschichte des .NS-Regimes und seiner Gegenwartsbedeutung, sondern mit allgemeinen Fragen der Menschenrechte, möglichst weit entfernt von Deutschland, zu befassen, zeigen ebenfalls eine Tendenz auf, die den Gedenkstätten im Großen und Ganzen nicht recht sein kann.
Als ersten, kleinen Ansatz der besseren Darstellung der entwickelten Gedenkstättenarbeit in Deutschland ist eine Koordination der verschiedenen Termine und Erfahrungen geplant, um die inhaltlichen Positionen der Lobby-Arbeit besser aufeinander abzustimmen und zu wissen, wer welche Kontakte wahrnehmen kann.
Die Pädagogik-AG hat gerade ihre Arbeit aufgenommen. Es gibt, abgesehen von der Durchführung des bundesweiten Gedenkstättenseminars zum Thema Pädagogik im Frühjahr 2002, noch keine konkreten inhaltlichen Vorstellungen und Arbeitsabläufe. Anregungen und Hinweise sind daher sehr willkommen. Die Adressen der Institutionen, in denen die oben aufgeführten AG-Mitglieder arbeiten, sind alle über die Linkseite des GedenkstättenForums im Internet zu finden.
Vorankündigung: Bundesweites Gedenkstättenseminar von 4.–7. Oktober in Heidelberg
»Die Verfolgung von Sinti und Roma unter dem NS-Regime und deren Darstellung in Gedenkstätten« (Arbeitstitel)
Veranstalter: Bundeszentrale für politische Bildung, Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stiftung Topographie des Terrors
Die endgültige Abstimmung des Programms und detaillierte Absprachen zwischen o.g. Veranstaltern ist im Augenblick im Gange. Im Frühjahr wird eine Einladung für das Seminar über den Verteiler des GedenkstättenRundbriefs erfolgen. Darüber hinaus wird im Internet im GedenkstättenForum das endgültige Programm veröffentlicht, sobald es fertiggestellt ist.