Die Diskussion um Apps für Gedenkstätten und Kultureinrichtungen im Allgemeinen dreht sich zumeist um Haben oder nicht Haben, eine Berechtigung wird häufig nur den innovativen Lösungen zugesprochen. Die standardisierten Versionen erhalten den wenig schmeichelhaften Beinamen »von-der-Stange«. Diese Tendenz ist verständlicherweise verbreitet unter den Entwicklern, die kostenintensivere Individuallösungen verkaufen wollen und damit auch ihr Können demonstrieren.
Die Zahlen zeigen etwas anderes, die Realität stellt sich anders dar: Obwohl die Verbreitung von Smartphones inzwischen ein Maß erreicht hat, dass man durchaus feststellen kann, dass eine eigene App für jede Einrichtung bald der Bedeutung einer eigenen Website gleichkommt, gibt es wenige Apps für Gedenkstätten, Museen und Kultureinrichtungen. Die Gründe wurden in einer wissenschaftlichen Arbeit im Studiengang Kulturmanagement an der Universität Hamburg untersucht. Mit den Schlüssen aus der Arbeit entwickelten wir, das sind der Softwareentwickler Eric Sommer und Kristina Pavićević als Kulturmanagerin, ein App-Gerüst, um dem Großteil der Institutionen damit eine Alternative anzubieten – den Bedingungen der Museen und Gedenkstätten entsprechend eine besonders günstige.
Für die KZ-Gedenkstätte Neuengamme entstand eine App als Prototyp, die besonders geeignet für Institutionen dieser Art ist. Da es sich hier vor allem um Dauerausstellungen handelt, bot es sich an, ein Baukasten-Prinzip zu entwickeln, das für jede Einrichtung als Version individualisierbar ist. Für Veranstaltungen können zwar Aktualisierungen vorgenommen werden, weitgehend handelt es sich aber für die Institution um eine einmalige Ausgabe für ein besonders gefragtes Marketinginstrument. Zudem ist es ein Instrument, das eine schwer ansprechbare, nicht zu vernachlässigende Zielgruppe begeistert: Jugendliche und junge Erwachsene!
Die App enthält alle Informationen über die Gedenkstätte, die für die Besucher wichtig sind: Öffnungszeiten, Eintritt, Anfahrt und Kontaktmöglichkeiten. Eine Online-Karte ermöglicht die Orientierung auf dem Gelände vor Ort.
Da die wenigsten Gedenkstätten ihren Besuchern eine dauerhafte, leistungsstarke Internetverbindung bereitstellen können, wurde eine offline-fähige App programmiert, die sich zwar bei Online-Verbindung die jeweiligen Aktualisierungen (z.B. Veranstaltungen) herunterlädt, internetunabhängig aber voll nutzbar bleibt. Online funktionierende Apps oder mobile Webseiten sind in Anbetracht der hohen Roaming-Gebühren im Ausland für Touristen – immerhin eine der Haupt-Besuchergruppen von Gedenkstätten – nur wenig attraktiv.
In Neuengamme wurde an der App schnell der bedeutende Vorteil zu den bisher gut genutzten Audioguides erkannt: Die App bietet dem Nutzer eine selbstständigere Bestimmung von Geschwindigkeit und Weg. Die Neuengamme-App entstand zum 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag im Mai 2013 in Hamburg. Somit konnte die ohnehin große Öffentlichkeitsarbeit für diesen Event gleichzeitig auch für die Bewerbung der App mit genutzt werden, ebenso zu den kurz darauf folgenden Feierlichkeiten zum 8. Mai, dem Tag der Befreiung des Lagers.
Als Ziel für die neue App wurde formuliert, mehr Einzelbesucher für die Gedenkstätte zu interessieren sowie feine Orientierungshilfe auf dem riesigen Gelände zu schaffen. Besonderes Augenmerk sollte auf der offen zugänglichen Geländestruktur liegen, in der die Besucher zunächst nicht geführt werden, da es keinen Anfang und kein Ende einer vorgeschlagenen Route sowie kein Besucherzentrum gibt. Die vielen einzelnen Architekturteile des Gesamtensembles in Neuengamme sind größtenteils ohne Beschilderung, um auf Veränderungen an den Gebäuden zu verzichten und den Ort in seiner Ausdrucksstärke selbst sprechen zu lassen.
Die App erschien in beiden wichtigen Stores für Apps – bei iTunes und bei Google Play – kostenfrei für den Nutzer. Die App benötigt eine relativ geringe Speicherkapazität und ist sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch problemlos innerhalb kürzester Zeit downloadbar.
Beim Anklicken der App bietet die Geländeübersicht der 112 Stationen mit jeweils bis zu fünf Unterstationen eine Orientierungshilfe, die sich auf dem Bildschirm verschieben, vergrößern und verkleinern lässt. Zudem gibt es die Möglichkeit, über eine Nummerneingabe den eigenen Standort auf dem Gelände in der Entsprechung im Menü zu bestimmen und die zugehörigen Infos direkt abzurufen – ähnlich wie beim Audioguide.
Mit Bildern und Texten sind die sechs Dauerausstellungen der Gedenkstätte aufgeführt und lassen sich jeweils einzeln aufklicken. Einen großen Mehrwert stellen die angebotenen vier Rundgänge dar, die nach thematischer und örtlicher Nähe der Gebäudeteile konstruiert und in die App integriert sind. Sie lassen sich je nach Informationswunsch immer weiter in Details aufklicken. Innerhalb der Ausstellungen illustriert jeweils eine Bildleiste die dem Text entsprechenden Gebäudeteile. Eine weitere Möglichkeit, die von Neuengamme nicht genutzt wurde, aber bestimmt von großem Interesse sein könnte, ist das Integrieren von Interviews mit Zeitzeugen durch Audiofiles – in diesem Fall müssten allerdings Kopfhörer bzw. Ohrstöpsel benutzt werden, um die Ruhe des Ortes nicht zu stören.
Eines der wichtigsten Themen für Kulturinstitutionen im Umgang mit eigenen Apps ist die gut durchdachte und dementsprechend umgesetzte Öffentlichkeitsarbeit, um auf die App aufmerksam zu machen. Anders als die Selbstverständlichkeit, mit der Webseiten über Suchmaschinen im Internet gesucht werden, ist es noch nicht üblich, beim Besuch einer Gedenkstätte, die entsprechende App im jeweiligen Store zu suchen und zu installieren. Daher ist es wichtig, mehrere Wege zu wählen, um eine App publik zu machen, um Besuchern und Interessenten allgemein bereits im Vorfeld die Möglichkeit zu geben, sich über die Institution zu informieren, den Besuch vorzubereiten oder aber eben direkt beim Besuch vor Ort zu wissen, dass eine App zur Verfügung steht. (Als Kulturmanagerin kenne ich die personellen Mangelkapazitäten der Kulturinstitutionen und biete daher ein individuelles Marketingpaket mit an, das nach Absprache entwickelt und auf Wunsch auch durchgeführt wird, um die App erfolgreich werden zu lassen.)
Die Erfahrungen und Rückmeldungen zur App in Neuengamme sind sehr positiv: Die App sei angesichts der Fülle an Informationen vergleichsweise gut gegliedert. Schülerinnen und Schüler können sich beispielsweise vor dem Klassenbesuch in der Gedenkstätte durch die App selbstständig einen Eindruck von dem Aufbau eines Lagers machen. Dadurch wird schnell der industrielle Charakter des Lagers deutlich. Zudem lasse sich sowohl der Alltag der Opfer als auch der der Täter rekonstruieren. Die Downloadzahlen in beiden Stores sprechen für eine rege Nutzung der App. Wer die Beispiel-App testen möchte, kann die App der KZ-Gedenkstätte Neuengamme im App Store oder bei Google Play kostenfrei herunterladen.
Kontakt: www.pavicevic.de | mail@pavicevic.de
Kristina Pavićević ist Kunsthistorikerin und schrieb Ihre Abschlussarbeit im Studiengang Kulturmanagement über das Thema: Smartphone-Apps »von-der-Stange« für Kultureinrichtungen am Beispiel der App für die KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Sie arbeitet bundesweit freiberuflich für Kulturinstitutionen als Kulturmanagerin.
Eric Sommer, Diplom-Informatiker und Softwareentwickler, hat die App für die KZ-Gedenkstätte Neuengamme programmiert.