Abgründiges Erinnern

Symposium »Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der Ort der Information auf dem Weg zur Realisierung - Ein Bericht
02/2002Gedenkstättenrundbrief 105, S. 29-34
Jan-Holger Kirsch

»Das kulturelle Gedächtnis an den Holocaust muß auf der Basis von Universalisierung, Nationalisierung und Mediatisierung neu gegründet werden. Damit ist aber keineswegs gesichert, daß dieses Gedächtnis auch Gegenstand historischer Erfahrung, gesellschaftlicher Auseinandersetzung und persönlicher Aneignung bleibt. Vor allem bedarf es einer Rückbindung an konkrete Lebensgeschichten und authentische Orte, um diese Erinnerung vor Verallgemeinerung, Delegation an Spezialisten und fortschreitender Entwirklichung zu bewahren.«1 Diesem Plädoyer Aleida Assmanns fühlt sich die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas verpflichtet. Ihre Hauptaufgabe ist es, den Bundestagsbeschluß vom Juni 1999 umzusetzen, d.h. das von Peter Eisenman entworfene Monument und den ergänzenden Ort der Information zu verwirklichen. Ende Oktober 2001 haben die bauvorbereitenden Arbeiten auf dem Denkmalsgelände begonnen. Parallel dazu veranstaltete die Stiftung ein interdisziplinäres Symposium, das die Konzeption der Ausstellungsräume prüfen und - so die Ankündigung - eine »Orientierungshilfe« für die weitere Arbeit liefern sollte.

Im Juli 2000 hatte das Stiftungskuratorium entschieden, den Ort der Information als unterirdische Anlage zu realisieren. Dies hatte in erster Linie pragmatische Gründe, hing aber auch mit der metaphorischen Suggestivkraft von Eisenmans überarbeitetem Vorschlag zusammen.2 Gleichzeitig hatte sich das Kuratorium auf inhaltliche Weichenstellungen geeinigt: Es sollten ein kontemplativer »Raum der Stille«, ein individualisierender »Raum der Schicksale«, ein datenbankgestützter »Raum der Namen« und ein historisch spezifizierender »Raum der Orte« entstehen. Beides - die künstlerische und die inhaltliche Seite - stieß in der Presse auf breite Zustimmung, wobei mögliche Problemfelder freilich übergangen wurden.3 Im März 2001 präsentierte das Kuratorium einen Gestaltungsentwurf der Ausstellungsdesignerin Dagmar von Wilcken. Eisenmans Stelenmotiv wurde darin bewußt aufgegriffen, gleichsam als »Fortsetzung des Stelenfeldes in überdachter Form« (Salomon Korn): Der »Raum der Stille« sollte beleuchtete Bodenplatten erhalten, deren Abmessungen den oberirdischen Stelen entsprechen sollten. Im »Raum der Schicksale« sollten Stelenelemente »wie Stalaktiten« von der Decke hinunterragen. Im »Raum der Namen« sollten die Stelen als Pulte, im »Raum der Orte« als Sitzbänke Verwendung finden. Das Presseecho war erneut positiv; die religiösen Anklänge der Gestaltung wurden akzeptiert, ja zum Teil euphorisch begrüßt.4

Trotzdem war die Geschäftsstelle der Stiftung daran interessiert, das Konzept noch einmal dem kritischen Blick der Fachöffentlichkeit auszusetzen. Als Diskussionsgrundlage des Symposiums diente ein »Drehbuchentwurf«, der Angaben zu den Perspektiven der Darstellung sowie zur genaueren Aufteilung der Ausstellungssegmente enthielt. Die vier genannten Räume besitzen eine Fläche von je 143 m2; zusammen mit der Lobby und den Foyers ergibt sich eine Gesamtfläche von 971 m2. Dort kann und soll kein umfassendes deutsches Holocaust-Museum entstehen, doch wird der Ort der Information deutlich mehr sein als eine unter die Erde verlagerte Widmungstafel.

Die Tagung begann mit einer Besichtigung des Denkmalsgeländes, das sich südlich des Brandenburger Tors, nördlich des Potsdamer Platzes, östlich des Tiergartens und westlich der Wilhelmstraße befindet - ein historisch vergleichsweise belangloses, im heutigen Stadtraum aber durchaus bedeutsames Areal.5 Günter Schlusche, Architekt der Stiftung, erläuterte hier den bautechnischen Planungsstand und Eisenmans Gestaltungsabsichten. Am Abend folgte die offizielle Begrüßung durch die Geschäftsführerin Sibylle Quack und den Kuratoriumsvorsitzenden Wolfgang Thierse. Er betonte den Stellenwert des gesamten Projekts: Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas sei Teil eines Übergangs von der »Erinnerung an Erlebtes« zur »Verständigung über Mitgeteiltes«. Das oberirdische Gedenkfeld solle einen emotionalen Zugang zur NS-Zeit ermöglichen, der Ort der Information hingegen eine rationale Auseinandersetzung fördern und einer »Abstraktionsfalle« entgegenwirken. Zugleich unterstrich der Bundestagspräsident, daß die neue Institution nicht als Konkurrenzunternehmen, sondern im »Ensemble mit anderen Gedenkstätten« zu betrachten sei.

Der weiteren Einstimmung in das Thema diente ein Vortrag von Peter Eisenman (New York).6 Der Architekt, sonst als unerschütterlicher Ironiker bekannt, stand ganz unter dem Schock der Terroranschläge und machte dies ausdrücklich zum Thema. Nachdem bereits Auschwitz und Hiroshima die Möglichkeiten symbolischer Repräsentation in Frage gestellt hätten, markierten die Attentate vom 11. September 2001 eine weitere, nicht weniger tiefgreifende Zäsur. Wie könne die (Denkmals-)Architektur damit umgehen, daß sich ein Ereignis und seine mediale Darstellung simultan vollziehen (»age of media-staged terrorism«)? Wie sei Repräsentation überhaupt noch vorstellbar, wenn Realität und Symbolisierung schon im Verlauf eines Geschehens direkt miteinander verbunden seien? Eisenman lieferte keine Antwort und ging statt dessen zur Beschreibung seines Berliner Denkmalsentwurfs über. Das Gedenkfeld sei «between abstraction and figuration« angesiedelt; durch die doppelte Wellenbewegung von Figur und Grund werde es eine ganz eigentümliche physische Erfahrung ermöglichen.7

Am zweiten Tag der Konferenz begrüßte Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin die Teilnehmer. Er konstatierte, daß die gesellschaftliche Erinnerungsbereitschaft nach der deutschen Einheit gewachsen sei. Wer einen »Schlußstrich« befürchtet oder aber erhofft habe, sei erfreulicherweise widerlegt worden. Zu kritisieren sei allerdings eine »kognitive Schlagseite« der gegenwärtigen Erinnerungskultur. (Auf genauere Anhaltspunkte für diese doch recht überraschende These verzichtete er.) Emotionale und ästhetische Komponenten des Gedenkens müßten verstärkt werden, und dazu könne das Denkmal für die ermordeten Juden Europas einen Beitrag leisten. Im übrigen schloß sich Nida-Rümelin der Position Thierses an, daß das Mahnmal als Teil eines »Netzwerks« von Erinnerungsorten zu begreifen sei.

Ein fulminanter Vortrag von Winfried Nerdinger (München) thematisierte das Denkmal und den Ort der Information aus architekturtheoretischer Sicht. Nerdinger plädierte dafür, Eisenmans wechselnde Selbstauslegungen mit nüchterner Distanz zu betrachten und sie in der Rezeption nicht noch fortzuspinnen. Für den Ort der Information hob er hervor, daß die oft gebrauchten religiösen Beschreibungskategorien aufgrund des aktuellen Entwurfs zwar naheliegend, unter historischen Aspekten aber mindestens problematisch seien (Kreuzgang, Krypta, Katakombe, Gruft etc.). Es sei daher ratsam, die unterirdische Präsentation klar von dem oberirdischen Erscheinungsbild des Denkmals abzugrenzen. Nicht »erzwungene Demutsgesten«, sondern »Rationalität und Aufklärung« in möglichst schlichter Gestaltungsform seien am Ort der Information zu wünschen.

Nerdingers Korreferent, der ehemalige Kultursenator Christoph Stölzl (Berlin), hielt eine »Stilnachbarschaft« beider Denkmalsteile für durchaus sinnvoll. Er stimmte aber zu, daß ein »zivilreligiöses Bauwerk« und ein »psychischer Initiationsritus« abzulehnen seien. Hanno Loewy (Frankfurt a.M.) spitzte die Kritik an der Semantik des bisherigen Konzepts in der Diskussion noch zu: Wenn der Besucher den Eindruck erhalte, er bewege sich unter einem Gräberfeld, sei dies eine Aufforderung zur Begegnung und Identifizierung mit den Toten. Silke Wenk (Oldenburg) wies darauf hin, daß in den Beschreibungen von Eisenmans Entwurf Naturmetaphern des Werdens und Vergehens dominierten; der Mord an den europäischen Juden werde dadurch in eine mythische Erinnerung transferiert.

Für eine Darstellung historischer Inhalte, die dem entgegenwirken könnte, lieferte der Vortrag von Ulrich Herbert (Freiburg) wichtige Anregungen. Präzise schilderte Herbert zunächst, wie die Juden der weißrussischen Kleinstadt Glubokoje verfolgt und ermordet wurden. Dies sorgte für die nötige Konkretheit der gesamten Tagung und zeigte, daß eine aufgesetzte Emotionalisierung des Gedenkens verzichtbar ist. Der Ort der Information soll nach Herberts Meinung drei Hauptaspekte enthalten: erstens das Leben, Leiden und Sterben der Juden während der NS-Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs; zweitens die europäische Dimension der Verfolgungen; drittens das Handeln der Täterseite, das im »Haus der Wannsee-Konferenz« und in der »Topographie des Terrors« zwar umfassender erläutert werde, im Zusammenhang des Mahnmals aber nicht gänzlich auszublenden sei. Für die praktische Umsetzung schlug Herbert vor, im Foyer des Informationsorts einen chronologischen Überblick zur nationalsozialistischen Judenpolitik zu geben. Die weiteren Räume könnten dann von Einzelbiographien über Gemeinden zu verschiedenen europäischen Ländern führen.

Eberhard Jäckel (Stuttgart) blickte in seinem Korreferat auf die Initiative des von ihm mitbegründeten Förderkreises zurück und erläuterte die Absicht, den ermordeten Juden ein »Kenotaph« zu errichten.8 Als »virtuelle Grabinschrift« müßten die Namen im Zentrum der Darstellung stehen. Jäckel äußerte seine Freude darüber, daß Yad Vashem zur Weitergabe der dort gesammelten Datensätze an die deutsche Stiftung bereit sei. Wichtig war ihm auch der Raum der Stille, der - nach dem Vorbild des »Hauses der Stille« in Bergen-Belsen - »Einkehr« und »Besinnung« ermöglichen solle. Detlef Garbe (Neuengamme) wies in der Diskussion freilich darauf hin, daß bereits der oberirdische Denkmalsteil auf individuelle Besinnung angelegt sei. Zudem wurde rasch klar, daß aufgrund der voraussichtlichen Besucherzahlen und der relativ geringen Ausstellungsfläche nicht mit einer besonders kontemplativen Atmosphäre zu rechnen ist

.Ein Vortrag von Peter Steinbach (Karlsruhe) sollte den Stellenwert der neuen Institution im Verhältnis zur übrigen deutschen Erinnerungslandschaft skizzieren, blieb allerdings hinter dem Niveau der vorangegangenen Beiträge zurück. Steinbach machte ebenfalls deutlich, daß er eine Sakralisierung des Gedenkens mit Skepsis betrachte. Er argumentierte, daß der Ort der Information als Portal wirken und die Aufmerksamkeit für die historischen Orte erhöhen könne. Auch deshalb sei zu wünschen, daß die jetzige Gedenkstättenfinanzierung verstetigt und weiter ausgebaut werde. Reinhard Rürup (Berlin) ging als Korreferent zunächst auf die Geschichte der Gedenkstätten in beiden deutschen Staaten und auf die Genese des Denkmals für die ermordeten Juden Europas ein. Am Ort der Information sei es notwendig, die Inhalte wieder stärker zu reduzieren, als es der Drehbuchentwurf der Geschäftsstelle vorsehe. Rürup gab zu verstehen, daß er die unterirdische Verwendung des Stelenmotivs bereits im Kuratorium kritisiert habe, damit jedoch in der Minderheit geblieben sei.

Zur Vertiefung gliederte sich das Symposium in drei Arbeitsgruppen auf. In der AG »Architektur und Kunstgeschichte« referierten Silke Wenk (Oldenburg) und Tilmann Buddensieg (Berlin), in der AG »Geschichte und historische Konzeption« Beate Meyer (Hamburg) und Friedhelm Boll (Bonn), in der AG »Rezeption und Vermittlung« Hanno Loewy (Frankfurt a.M.) und Barbara Distel (Dachau). Der Zeitrahmen für diese Diskussionseinheit war leider knapp bemessen, doch zeigte sich bei der Ergebnispräsentation am folgenden Vormittag, daß in wichtigen Punkten Gemeinsamkeiten bestanden:

• Die biographische, individualisierende Perspektive auf das Leben der ermordeten Juden, die das Kuratorium gewählt hatte, wurde prinzipiell begrüßt.

• Die gestalterische Sakralisierung wurde hingegen recht einhellig abgelehnt, weil sie dem Ziel der historischen Wissensvermittlung widerspreche. Eine ästhetische Korrespondenz des unterirdischen und des oberirdischen Teils werde den Gesamteindruck des Denkmalensembles eher schwächen als stärken.

• Die Namensdokumentation sei deutlicher als bisher vorgesehen mit der übrigen geschichtlichen Darstellung zu verbinden. Der Ort der Information dürfe keine »Märtyrerkapelle« werden (Kathrin Hoffmann-Curtius).

• Zu entscheiden sei nicht zwischen »Inszenierung« und »reiner Information«, sondern zwischen mehr oder weniger geeigneten Formen der Präsentation. So müsse man dem Eindruck entgegenwirken, daß der Abruf von Datenbankinhalten schon ein selbständiges Forschen sei (Ulrich Herbert sprach von »Rechercheimitationen«).

• Damit der Ort der Information nicht statisch bleibe, sondern die aktive Auseinandersetzung der Besucher fördere, wurde angeregt, einen der vier Räume für Wechselausstellungen zu nutzen. Denkbar sei auch, daß die Stiftung einen Wettbewerb für Erinnerungsprojekte ausschreibe.

Beim Abschlußpodium versuchte Norbert Frei (Bochum), dies in eine praktikable Synthese zu bringen. Er schlug vor, daß das Eingangsfoyer die Entstehung des Denkmals im Zusammenhang mit der deutschen Erinnerungskultur seit 1945 erläutern könne. Der Hauptteil der Ausstellung solle mit einem »Raum der Namen und Gesichter« beginnen, an den sich ein »Raum der Biographien« (statt des irreführenden Begriffs »Raum der Schicksale«) anschließen könne. Ein »Raum der Orte und Länder« erweitere den historischen Kontext. Schließlich solle der Besucher in einen »Raum der Fragen« gelangen und im Ausgangsfoyer auf andere Gedenkstätten verwiesen werden.

Insgesamt ist festzuhalten, daß das Symposium einen konstruktiven Meinungsaustausch ermöglichte - der Unterschied zu den drei Denkmalskolloquien von 1997 war sehr deutlich. Wiederum ist allerdings offengeblieben, wie die Diskussionsergebnisse die tatsächliche Entscheidungsfindung beeinflussen werden. Sibylle Quack versicherte mehrfach, daß die vorgetragenen Argumente nicht nur »l’art pour l’art« seien, wies freilich auch darauf hin, daß die Realisierungsphase bereits begonnen habe. Bedauerlich ist, daß die meisten Kuratoriumsmitglieder nicht oder nur für kurze Zeit an der Konferenz teilnahmen - die Chancen einer grundsätzlichen Neuorientierung sind daher eher gering. Betrachtet man den Erkenntniswert der Tagung unabhängig von ihrer Praxisrelevanz, so führte sie noch einmal vor Augen, daß der Bundestagsbeschluß vom Juni 1999 politisch und historisch wenig überzeugend gewesen ist. Die Entscheidung, das Denkmal allein den jüdischen Mordopfern zu widmen, ergab sich zwar mit einer gewissen Konsequenz aus dem gesamten Debattenverlauf, bleibt jedoch fragwürdig, weil alle übrigen Opfergruppen und der Gesamtkomplex des nationalsozialistischen Rassismus dadurch tendenziell in den Hintergrund geraten. Dies war während des Symposiums unverkennbar, wurde aber kaum problematisiert. Wolfgang Benz (Berlin) berichtete kurz über die Tätigkeit des Stiftungsbeirats, der eine angemessene Würdigung der nichtjüdischen Opfer sicherstellen soll. In Vorbereitung ist unter anderem eine Wanderausstellung zur Geschichte der Wehrmachtsjustiz und der Deserteure. Solche Bemühungen sind politisch brisanter als das Denkmal für die ermordeten Juden Europas und finden vielleicht gerade deshalb nur nachgeordnete Aufmerksamkeit.

Ein weiteres Defizit des Symposiums bestand darin, daß es zwar interdisziplinär besetzt war, aber nicht interdisziplinär genug: Vertreter der Religionswissenschaft und der Geschichtsdidaktik waren leider nicht beteiligt. Der häufig gebrauchte Begriff der »Sakralisierung«9 und seine Implikationen für das deutsche Holocaust-Gedenken wurden nicht hinreichend präzisiert. Dies war im Rahmen einer anwendungsorientierten Tagung vermutlich auch nicht erreichbar, stellt allerdings ein Desiderat künftiger Forschung dar. Eine andere unbekannte Variable war »der Besucher« - die Vorannahmen über mögliche Rezeptionsweisen des Orts der Information blieben einigermaßen spekulativ. Dies hängt natürlich damit zusammen, daß empirische Studien zum Besucherverhalten in Gedenkstätten bisher rar sind. Aus geschichtsdidaktischer Perspektive hätte sich aber genauer betrachten lassen, welche Voraussetzungen zum Gelingen historischer Lernprozesse beitragen und was unter Eigenaktivität der Besucher zu verstehen sein könnte. Eine gemeinsame Besichtigung des Jüdischen Museums Berlin machte den Tagungsteilnehmern zumindest deutlich, daß es in dieser Hinsicht theoretischen und praktischen Reflexionsbedarf gibt.

Nun bleibt abzuwarten, wie das Kuratorium der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas auf das Symposium reagieren wird. Viel wäre bereits gewonnen, wenn die Unmöglichkeit »abschließender« Antworten akzeptiert würde. Schon 1998 hatte Jürgen Habermas betont: »Im Anblick jeder ›Lösung‹, die eines Tages aus dem politischen Streit der Öffentlichkeit hervorgehen wird, können alle wissen, daß das Resultat auch anders hätte ausfallen können. Das wird einer künftigen symbolischen Praxis bei aller Gewöhnung und Trivialisierung ein Bewußtsein von Kontingenz einschreiben, so daß sich auch noch spätere Generationen zum Nachvollziehen und gegebenenfalls zur Revision der rechtfertigenden Gründe aufgefordert fühlen.«10

1 Aleida Assmann, Gedächtnis ohne Erinnerung? Die Probleme der Deutschen mit ihrer Geschichte, in: Gedenkstätten-Rundbrief Nr. 97/2000, S. 3–13, hier S. 12 f. Ob die Tendenzen der »Universalisierung, Nationalisierung und Mediatisierung« einfach als gegeben zu betrachten sind, wäre noch zu überlegen; diese Problematik kann im folgenden nicht vertieft werden.

2 Vgl. etwa Ulrich Raulff, Die Tiefe, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. 7. 2001, S. 41.

3 Als eingehende Erläuterung und Kritik vgl. Stefanie Endlich, »Eisenman IV« goes underground, in: kunststadt stadtkunst 47 (2000), S. 19 ff.

4 Vgl. etwa Konrad Schuller, Der »Ort der Information« wird zum Ort des Erlebnisses/Erinnerung an die Schoa in religiösen Formen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. 3. 2001, S. 4; Jörg Lau, Lichtschrein für die Aufklärung, in: ZEIT, 11.4.2001, S. 46.- Als differenzierte Kritik vgl. Stefanie Endlich, Die Stele als Design-Prinzip, in: kunststadt stadtkunst 48 (2001), S. 11.

5 Vgl. v.a. Riki Kalbe/Moshe Zuckermann (Hg.), Ein Grundstück in Mitte. Das Gelände des künftigen Holocaust-Mahnmals in Wort und Bild, Göttingen 2000.

6 Vgl. Peter Eisenman, Wenn wir im Raum verloren gehen, in: Tagesspiegel, 2. 11. 2001, S. 25 (gekürzte und leicht veränderte Fassung). Siehe dazu auch Heinrich Wefing, Eisenmans Späne: Ein Mahnmal auf Magnetbändern, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. 11. 2001, S. 54.

7 Peter Zumthor, Architekt der »Topographie des Terrors«, hatte dies kurz vor dem Symposium erneut als fragwürdige Schreckenserzeugung kritisiert. Vgl. Schutzbauten des Widerstands, in: ZEIT, 31. 10. 2001, S. 47 (Interview mit Zumthor).

8 Vgl. auch Eberhard Jäckel, Die Einzigartigkeit des Mordes an den europäischen Juden, in: Lea Rosh, »Die Juden, das sind doch die anderen«. Der Streit um ein deutsches Denkmal. Mit Beiträgen von Eberhard Jäckel, Tilman Fichter, Jakob Schulze-Rohr, Wolfgang Ullmann und einem Geleitwort von Michel Friedman, Berlin 1999, S. 153–170.

9 Vgl. dazu Insa Eschebach/Susanne Lanwerd, Säkularisierung, Sakralisierung und Kulturkritik, in: metis 18 (2000), S. 10–26, hier S. 20–25.

10 Jürgen Habermas, Symbolischer Ausdruck und rituelles Verhalten. Ein Rückblick auf Cassirer und Gehlen, in: Gert Melville (Hg.), Institutionalität und Symbolisierung. Verstetigungen kultureller Ordnungsmuster in Vergangenheit und Gegenwart, Köln/Weimar/Wien 2001, S. 53–67, hier S. 54 f. (Vortrag bei einer Konferenz des SFB 537 »Institutionalität und Geschichtlichkeit« an der TU Dresden, Dezember 1998). Ein Tagungsbericht wie der hier vorgelegte hängt immer auch mit eigenen Wahrnehmungsmustern zusammen. Zum Vergleich und als Korrektiv verweise ich daher auf einige Presseberichte zu dem Symposium: Andreas Krause, Der Preis der Sachlichkeit, in: Berliner Zeitung, 5. 11. 2001, S. 12; Jost Kaiser, Inszenierung oder Information, in: Süddeutsche Zeitung, 5.11. 2001, S. 16; Thomas Lackmann, Berlin ist doch nicht Yad Vashem, in: Tagesspiegel, 5. 11. 2001, S. 27; Katrin Bettina Müller, Die Falle der Abstraktion, in: tageszeitung (Berlin-Ausgabe), 5. 11. 2001, S. 23; Heinrich Wefing, Und unten lauert die Nüchternheit, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. 11. 2001, S. 51.

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