2014: Erneut Besucherrekord in den Gedenk- und Erinnerungsstätten in Baden-Württemberg

06/2015Gedenkstättenrundbrief 178, S. 25-30
Svenja Bauer-Blaschkowski

In Baden-Württemberg erwartet die Besucher eine vielfältige Gedenkstättenlandschaft. An authentischen historischen Orten wird an jüdisches Leben vor dessen Auslöschung durch den Nationalsozialismus erinnert, an die Verfolgung der deutschen Sinti und Roma, an die NS-»Euthanasie«-Verbrechen, an das Leid in den Konzentrationslagern und an die Ausbeutung durch Zwangsarbeit sowie an den Widerstand von Einzeltätern wie Georg Elser und von Gruppen wie der Weißen Rose. Darüber hinaus thematisieren die Gedenk- und Erinnerungsstätten auch die Demokratiegeschichte Deutschlands: Sie widmen sich Persönlichkeiten wie Friedrich Ebert oder Theodor Heuss sowie dem Kampf um Freiheit in der deutschen Geschichte. Eine Besonderheit ist das einzige westdeutsche DDR-Museum in Pforzheim. (Siehe auch: www.gedenkstaetten-bw.de)

2014 haben 309 878 Besucher die Gedenk- und Erinnerungsstätten in Baden-Württemberg besucht – damit liegt die Besucherzahl knapp über derjenigen des Vorjahres (309 857). Dies ergab eine eigene Erhebung der Landeszentrale für politische Bildung, an der sich 64 Gedenk- und Erinnerungsstätten aus Baden-Württemberg beteiligten.

Erhebungsgrundlagen 

Für die Erhebung wurden die Mitglieder der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen (LAGG) und weitere Einrichtungen angefragt. Die Erhebung umfasst neben Besucherzahlen auch die Besucherstruktur (aufgeschlüsselt nach Altersgruppen), das Angebot der Gedenkstätten sowie den Umfang der Leistungen, die durch die ehrenamtlichen Gedenkstättenmitarbeiter erbracht wurden.

Nicht alle Gedenkstätten können ihre Besucherzahl und die Besucherstruktur genau erfassen. Vor diese Schwierigkeit sehen sich beispielsweise Gedenkstätten an jederzeit zugänglichen Orten gestellt. In solchen Fällen wurden Schätzwerte zugrunde gelegt. Auch für Angebote der Gedenkstätten, wie etwa Informationsgespräche und Beratungen, können teilweise nur Schätzwerte angegeben werden. Die Anzahl der ehrenamtlich geleisteten Stunden wird ebenfalls häufig erst im Nachhinein durch die Mitarbeiter der Gedenk- und Erinnerungsstätten zusammengestellt. Die so ermittelten Werte können daher nur als Richtwerte angesehen werden, die eine Einschätzung der Entwicklungstendenzen ermöglichen sollen. Es ist aber festzuhalten, dass die Gedenkstätten ihre Zahlen in den letzten Jahren zunehmend genauer erheben.

Zahlen 2014 

Die gesamte Besucherzahl 2014 lässt sich folgendermaßen aufschlüsseln: 2014 besuchten 59 534 Personen Gedenkstätten an ehemaligen jüdischen Gemeindeeinrichtungen und Synagogen, 85 030 die Gedenkstätten an ehemaligen Konzentrationslagern und Orten der Zwangsarbeit, 25 000 die Gedenkstätte Grafeneck, 12 401 Besucher das Dokumentationszentrum Deutscher Sinti und Roma und 861 die zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Die Gedenkstätten zum Themenkomplex Widerstand konnten 15 379 Besucher verzeichnen, das DDR-Museum in Pforzheim 3365 und die Gedenkstätten zu Demokratie und Freiheit 108 308 Besucher. Die Gedenkstätten zu Demokratie und Freiheit waren damit Spitzenreiter bei den Besucherzahlen. Die Anzahl von mehr als 100 000 Besuchern konnten sie 2014 erstmals überschreiten.

Entwicklungen im Vergleich zu 2013 

Einen Besucherzuwachs registrierten auch die Gedenkstätten an Standorten ehemaliger Konzentrationslager und Orten der Zwangsarbeit sowie das DDR-Museum in Pforzheim. Nahezu gleichbleibende Besucherzahlen konnten die »Euthanasie«-Gedenkstätte Grafeneck sowie das Dokumentationszentrum Deutscher Sinti und Roma verzeichnen. Einen deutlichen Besucherrückgang von knapp 10 000 Besuchern gab es bei den Gedenkstätten zum Widerstand. Dieser Rückgang lässt sich unter anderem damit erklären, dass an der Stauffenberg-Gedenkstätte in Albstadt-Lautlingen im Jahr zuvor eine Sonderausstellung zu Melitta von Stauffenberg stattfand, die überdurchschnittlich viele Besucher in die Gedenkstätte gelockt hatte. Auch an die 32 Gedenkstätten an ehemaligen jüdischen Einrichtungen und Synagogen, die sich an der Erhebung beteiligten, kamen 2014 insgesamt 2500 Besucher weniger.

Zusammensetzung der Besuchenden 

Die Besucherstruktur war 2014 vergleichbar mit derjenigen von 2013. Rund 28 Prozent der Besucher der Gedenk- und Erinnerungsstätten waren Kinder und Jugendliche. Lediglich die Gedenkstätten zur Erinnerung an Demokratiegeschichte und Freiheitsbewegungen hatten mit 19 Prozent einen deutlich unterdurchschnittlichen Anteil an Kindern und jugendlichen Besuchern. An den KZ-Gedenkstätten, an der Gedenkstätte Grafeneck und an der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg machten sie jedoch deutlich mehr als die Hälfte der Besucher aus. Auch die Besucher des DDR-Museums in Pforzheim waren fast zur Hälfte Kinder und Jugendliche. Um noch mehr Kinder und Jugendliche für die Gedenk- und Erinnerungsstätten zu interessieren, waren 2014 mehr als 100 ehrenamtliche »Jugendguides« aktiv.

Angebotserweiterung der Gedenkstätten im Jahr 2014 

2014 konnten die Gedenk- und Erinnerungsstätten ihr Angebot deutlich erweitern. Alleine die Anzahl der Führungen konnte um 69 Prozent auf insgesamt 6103 gesteigert werden. Auch das pädagogische Angebot wurde ausgebaut. Beispielsweise wurde durch Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte in Mannheim-Sandhofen 2014 unter dem Titel »Was hat ein Kaninchen mit unserer Geschichte zu tun?« erstmals ein didaktisches Konzept erprobt, welches Grundschulkinder der vierten Jahrgangsstufe an die Themen Nationalsozialismus und Menschenrechte heranführt.

Herauszuheben ist vor allem auch ein Modellprojekt der Gedenkstätte Grafeneck: Unter dem Titel »Barrierefreie Gedenkstätte« werden die Angebote der Gedenkstätte überarbeitet und ergänzt, um sie auch für Menschen mit geistiger Behinderung zugänglich zu machen. Denn seit 2008 erhält die Gedenkstätte verstärkt Anfragen zu Gruppenführungen, an denen Menschen mit geistiger Behinderung teilnehmen wollen. 2014 machten diese Gruppen bis zu 10 Prozent der geführten Gruppen in Grafeneck aus. Die Historikerin Franka Rößner und der Sonderpädagoge Sebastian Priwitzer erarbeiten deshalb seit 2014 ein neues pädagogisch-didaktisches Konzept: Die Dauerausstellung im Dokumentationszentrum wird um eine Hörversion in leichter Sprache ergänzt, die auf Fremdwörter, Anglizismen und Abkürzungen verzichtet, und mit zusätzlichen Erläuterungen versehen, und es entsteht ein Orientierungssystem, das Besuchern auch außerhalb von Führungen ermöglichen soll, die Gedenkstätte zu besuchen. Das Modellprojekt läuft bis 2016 und wird zu gleichen Teilen durch den Bund und das Land gefördert sowie von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg wissenschaftlich begleitet. Damit auch andere Gedenkstätten und Bildungsträger von den Erfahrungen der Gedenkstätte Grafeneck mit diesem Projekt profitieren können, ist eine Handreichung geplant.

Veranstaltungen im Jahr 2014 

Neben den Führungen und pädagogischen Angeboten fanden 875 weitere Veranstaltungen an den Gedenkstätten statt. Am 15. November veranstaltete die Georg-Elser-Gedenkstätte Königsbronn ihr traditionelles Symposium: »›Zivilcourage in schwerer Zeit‹ – Beispiele des Widerstandes ›kleiner Leute‹ gegen das NS-Regime« in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und dem Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie. Die Tagung mit etwa 120 Teilnehmern aus ganz Deutschland beleuchtete unter anderem den »Geislinger Mütteraufstand«, die schwäbische Pfarrhauskette – zwei Beispiele für den Widerstand »kleiner Leute« sowie Georg Elsers Motive für seinen Attentatsversuch auf Hitler. Zudem sprach der baden-württembergische Kultusminister Andreas Stoch über den Widerstand im NS-Staat allgemein und die Gedenkstättenarbeit in Baden-Württemberg.

Besonders viele Veranstaltungen an Gedenkstätten standen 2014 in Zusammenhang mit Filmprojekten: Am 27. Januar wurde in Herrenberg der Dokumentarfilm »Der Dachdecker von Birkenau« über den Auschwitz-Überlebenden Mordechai Chiechanower präsentiert, der auch im KZ Hailfingen-Tailfingen bei Herrenberg inhaftiert gewesen war. Der Film entstand im Auftrag von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. in Zusammenarbeit mit dem Verein KZ-Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen. Für die Filmaufnahmen kehrte Mordechai Ciechanower mit dem Regisseur Johannes Kuhn und dessen Team auf einer zwölftägigen Reise an zahlreiche Orte seiner Leidensgeschichte zurück. Mordechai Chiechanower war in den vergangenen Jahren schon mehrfach zu Besuch im Gäu. Mit der KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen und Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. steht der Zeitzeuge in engem Kontakt.

Am 19. Februar fand die erste Filmvorführung von »Blut muss fließen. Undercover unter Nazis« in Neckarelz statt, eine Veranstaltung der KZ-Gedenkstätte Neckarelz. Zehn Jahre lang filmte »Thomas Kuban«, dessen Name zu seinem Schutz ein Pseudonym ist, versteckt an Orten in ganz Deutschland und darüber hinaus bei Neonazi-Konzerten. »Thomas Kuban« wollte Antworten auf die Frage finden, wie es möglich ist, dass diese rechtsextremen Rockkonzerte ungehindert stattfinden können. Nach der Filmvorführung stellte sich der Regisseur des Films, Peter Ohlendorf, den Fragen des Publikums und sprach mit diesem über Erfahrungen und Erlebnisse mit der rechten Szene. In Neckarelz und Bad Mergentheim gab es in der Folge vier weitere Filmvorstellungen, sodass circa 1200 Zuschauer den Film sahen. Begleitet wurden die Filmvorführungen von weiteren Vorträgen des Vereins KZ-Gedenkstätte Neckarelz e.V. in seiner »Reihe gegen Rechts«. Im September feierte schließlich der im Rahmen einer Masterarbeit entstandene Film »Geschichte ganz nah — Eine Reise zu den Gedenkstätten in meiner Heimat« von Daniela Schaffart in der ehemaligen Synagoge in Kippenheim Premiere. In lebendigen Bildern und mit anschaulichen Einblicken in die Forschungs- und Vermittlungsarbeit der Ehrenamtlichen vor Ort dokumentiert der Film eine Erkundungsreise der Studentin zu sechs Gedenkstätten am Oberrhein. Die Filmemacherin trifft auf engagierte Bürgerinnen und Bürger, Künstlerinnen, Jugendliche, Schulklassen und Zeitzeugen. Der Film macht Station an den Gedenkstätten Vulkan in Haslach, der Erinnerungsstätte im Salmen in Offenburg, der Gedenk-, Lern- und Begegnungsstätte Ehemalige Synagoge Kippenheim, der ehemaligen Synagoge Sulzburg und dem Blauen Haus in Breisach.

Ehrenamtliche Tätigkeit in Gedenkstätten 

Erstmals wurden im Jahr 2014 auch die Leistungen der Gedenkstätten erfasst. Die Vereine, die Gedenkstätten selbst unterhalten oder mittragen, hatten im vergangenen Jahr 4110 Mitglieder. An den Gedenkstätten regelmäßig ehrenamtlich tätig waren 673 Personen. Insgesamt wurden mindestens 51 663 Stunden ehrenamtliche Arbeit an den baden-württembergischen Gedenkstätten geleistet – die tatsächliche Stundenzahl dürfte aber aufgrund der erstmaligen und teilweise ungenauen Erfassung vermutlich noch deutlich höher liegen.

Die Gedenkstätten in Baden-Württemberg können insgesamt auf ein erfolgreiches Jahr 2014 zurückblicken – sowohl in Hinblick auf konstant hohe Besucherzahlen als auch in Hinblick auf den deutlichen Ausbau des Angebots und die eigenen erbrachten Leistungen der ehrenamtlichen Mitarbeiter. Informationen zu ihrer Arbeit und den Gedenk- und Erinnerungsstätten in Baden-Württemberg gibt es auf dem Internetportal www.gedenkstaetten-bw.de.
 

Svenja Bauer-Blaschkowski studiert Geschichte und Politische Wissenschaft B.A. an der Universität Heidelberg. Die Nutzungserhebung stellte sie im Rahmen eines Praktikums in der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg zusammen.

Ehemalige Synagogen und jüdische Gemeindeeinrichtungen        59 534         19 %

Konzentrationslager und Zwangsarbeit                                                   85 030         28 %

Euthanasie – Grafeneck                                                                                25 000           8 %

Sinti und Roma                                                                                                  12 401           4 %

Bundesarchiv Ludwigsburg                                                                               861         < 1 %

Widerstand                                                                                                         15 379           5 %

DDR                                                                                                                         3 365          1 %

Demokratie und Freiheit                                                                              108 308         35 %

Gesamt                                                                                                             309 878         100 %