Im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt, auf den Höhen des Thüringer Schiefergebirges, liegt das Dorf Schmiedebach, heute Ortsteil der benachbarten Berg- und Schieferstadt Lehesten. Schmiedebach erhielt über Jahrhunderte seine Prägung durch die Landwirtschaft und den Schieferbergbau. Ende des vorigen Jahrhunderts war die Schiefergrube Schmiedebach der Firma Karl Oertel Schieferbrüche GmbH Lehesten, kurz »Oertelsbruch« genannt, der größte Schieferbruch des europäischen Kontinents und ein blühendes Unternehmen.
In der Endphase des II. Weltkrieges wurde der »Oertelsbruch« jedoch Schauplatz von Menschenvernichtung und Rüstungswirtschaft. In den Grubenbauen und Bruchanlagen wurde ein Testbetrieb für die Triebwerke der Raketenwaffe V2 (A4) eingerichtet. Als Arbeitskräfte für die in horrendem Tempo durchgeführten Ausbauarbeiten für die Prüfstände, Betriebsanlagen und das untertägige Sauerstoffwerk dienten neben dienstverpflichteten Bergarbeitern und polnischen Fremdarbeitern vor allem KZ-Häftlinge. Von September 1943 bis April 1945 kamen insgesamt ca. 2500 Häftlinge aus zehn europäischen Nationen vom Hauptlager Buchenwald in das zu diesem Zweck errichtete KZ-Außenkommando »Laura«.
Daß ihr Schicksal nicht vergessen wurde, verdanken wir heute allen, die der Geschichte des KZ »Laura« nachgingen und vor 20 Jahren zum Entstehen der Gedenkstätte am historischen Ort beitrugen. Die Gedenkstätte »Laura« im »Fröhlichen Tal« – so die alte Flurbezeichnung dieses Ortsteiles von Schmiedebach – wurde am 6. Mai 1979 eröffnet. Im Ergebnis vieler Stunden ehrenamtlicher Arbeit von Schmiedebacher Bürgern mit Unterstützung örtlicher Betriebe und unter fachlicher Anleitung der Gedenkstätte Buchenwald war in der ehemaligen Hauptunterkunft der Häftlinge, der großen Scheune, eine Ausstellung mit Dokumentensammlung entstanden. Die Grundlage dafür bildete die Forschungsarbeit der Arbeitsgemeinschaft »Junge Historiker« der Schule Wurzbach, die von 1965–1968 die Geschichte des KZ-Außenkommandos »Laura« erforscht und die Ergebnisse 1970 in der Broschüre »Laura – die Hölle im Schieferberg« veröffentlicht hatte. Die Betreuung der Gedenkstätte übernahm in ehrenamtlicher Arbeit das Ehepaar Ruth und Heinz Ludwig, die schon zu ihrer Entstehung maßgeblich beigetragen hatten. Seit 1952 wohnten sie in der nach dem Krieg zum Wohnhaus umgebauten ehemaligen Häftlingsküche und waren sozusagen vor Ort mit der Geschichte des KZ »Laura« verbunden. Seit vielen Jahren pflegten sie außerdem den 1956 auf dem ehemaligen Lagergelände errichteten Gedenkstein, der nun in die Außenanlagen der Gedenkstätte einbezogen wurde.
Ehemalige Häftlinge aus Frankreich hatten bereits nach dem Krieg und 1971 den Ort ihres Leidens wieder aufgesucht. Nun bestand mit der Gedenkstätte ein Ort des feierlichen Gedenkens, des Lernens und der Begegnung. 1982 weilte die erste große Delegation aus Frankreich mit 17 ehemaligen Häftlingen des KZ »Laura« in der Gedenkstätte. Die Kontakte nach Frankreich zur Vereinigung der »Ehemaligen von Laura« (Les Anciens de Laura) wurden von den »Jungen Historikern« aus Wurzbach und dem Betreuerehepaar Ludwig ausgebaut und brachten viele neue Erkenntnisse über das Leiden, Sterben, aber auch Überleben der Häftlinge und halfen, die Ausstellung zu konkretisieren. Weitere Kontakte bestanden nach Holland, Italien und Polen. Die Gedenkveranstaltung zum 40. Jahrestag der Befreiung im Mai 1985, zu der der ehemalige französische Häftling Pastor Aimé Bonifas sprach, machte deutlich, daß in der Gedenkstätte »Laura« die kommenden Generationen vor Ort aus der Geschichte lernen können und müssen. Das Jahr 1989 brachte auch für das Wirken der Gedenkstätte eine Wende. Bis zur Öffnung der innerdeutschen Grenze im Sperrgebiet gelegen, war ein Besuch der Gedenkstätte nur mit besonderer Genehmigung möglich gewesen. Ab 1990 stiegen die Zahlen der Besucher, vor allem aus dem benachbarten oberfränkischen Raum, der historisch mit dem Schieferbergbau eng verbunden war. Veranstaltungen im November zum Gedenken an die »Reichskristallnacht« und zum Volkstrauertag sind seitdem Tradition geworden. Während der Winterschließpause 1991/92 wurde die Ausstellung umgestaltet und seither ständig ergänzt.
Mit der Gebietsreform von 1994 stand der neugebildete Landkreis Saalfeld-Rudolstadt in der Pflicht, die Gedenkstätte im öffentlichen Interesse weiterzuführen. Für das Betreuerehepaar Ludwig stand es außer Zweifel, die bisher getane Arbeit fortzusetzen, obwohl beide inzwischen das Rentenalter erreicht hatten.
Zum 50. Jahrestag der Evakuierung und Befreiung des Lagers »Laura« fand im April 1995 eine Gedenkveranstaltung statt, an der fünf ehemalige Häftlinge aus Frankreich und Belgien teilnahmen. Die Worte des Franzosen Paul Adgé, des leider im August 1999 verstorbenen Präsidenten der »Ehemaligen von Laura«, und des Belgiers Auguste Verfaille an diesem Tag sind und bleiben uns Vermächtnis.
»Wir Überlebenden vergessen nicht, daß wir Zeugen sind, und daß wir alles
in die Wege leiten müssen, damit die kommenden Generationen so etwas nicht erleben.« (Paul Adgé)
»Wir sind ohne Haß und Rache. Wir vergeben, ohne zu vergessen. In der Tat, wir haben die Pflicht, uns zu erinnern an den Streit gegen die Tyrannei und das Streben nach Freiheit in Gedanken zu halten. Wir müssen uns erinnern für unsere Kinder und Enkelkinder, damit sie in Frieden leben.« (Auguste Verfaille)
Inzwischen war die dritte Auflage der Broschüre »Laura – die Hölle im Schieferberg« von 1987 vergriffen. Eine Neuerarbeitung unter Einbeziehung jetzt zugängiger Archive konnte eine Schülerarbeitsgemeinschaft in außerschulischer Arbeit nicht mehr leisten. Angeregt durch die Gedenkstätte Buchenwald wurde im Referat Kultur des Landratsamtes Saalfeld-Rudolstadt 1996 eine ABM-Stelle eingerichtet mit der Aufgabe, eine Publikation zum KZ-Außenkommando »Laura« zu erarbeiten. Im Rahmen dieser Maßnahme, die nach einer kurzen Unterbrechung von Mai 1997 bis Juli 1999 fortgeführt wurde, entstanden eine umfangreiche Materialsammlung mit Archivdokumenten, Zeitzeugenberichten und Bildmaterial sowie das Manuskript der Publikation. Außerdem wurde 1998 die Herausgabe der Erinnerungen des ehemaligen polnischen Häftlings Ryszard Kessler unterstützt.
Während eines Besuches von ehemaligen Häftlingen in der Gedenkstätte »Laura« im August 1997 wurde der Gedanke aufgegriffen, wieder junge Menschen in die Aufarbeitung der »Laura«-Geschichte einzubeziehen. Schon einen Monat später begann ein Projekt, in dem Schülerinnen des Französisch-Kurses der 11. Klasse des Heinrich-Böll-Gymnasiums Saalfeld unter Anleitung ihrer Lehrerin den Erlebnisbericht des Franzosen Jean-Paul Garin über seine Leidenszeit in »Laura« übersetzten. Die Begegnungen mit der gesamten Familie Garin, den Franzosen Albert Duprat und Paul Adgé und dem Belgier Auguste Verfaille im Juli 1998 in Saalfeld und Schmiedebach werden für alle Beteiligten unvergessen bleiben.
Mit der Aufgabe, das Wirken der Gedenkstätte »Laura« als historischen Lernort und internationale Begegnungsstätte zu unterstützen, wurde im November 1998 in Lehesten der »Förderverein Gedenkstätte Laura e.V.« gegründet. Dabei war auch der ehemalige holländische Häftling Henk Peper anwesend. Die seit 1997 bestehenden Kontakte zu ehemaligen holländischen Häftlingen und Angehörigen gehen auf die Initiative eines jungen Holländers zurück, der auch Mitbegründer des Fördervereins ist.
Das 20jährige Bestehen der Gedenkstätte im Mai 1999 war der Anlaß für die Projekttage vom 28. bis 30. Mai, die gemeinsam vom Referat Kultur des Landratsamtes Saalfeld-Rudolstadt und dem Förderverein durchgeführt wurden. 14 Gäste aus Holland, Frankreich und Belgien wurden dazu begrüßt. Ein Projekttag stand im Zeichen der Begegnung von Jugendlichen mit den ehemaligen Häftlingen Henk Peper und Herman van Hasselt aus Holland, Auguste Verfaille aus Belgien und Albert Duprat aus Frankreich sowie Angehörigen von vier weiteren Häftlingen. Insgesamt 130 Schüler aus sieben Schulen der Region erlebten besondere Geschichtsstunden in der Gedenkstätte und an ihrer Schule. Die Recherchen und internationalen Kontakte im Rahmen der Arbeit für die Publikation »Außenkommando Laura« brachten seit Ende 1998 auch Aufschluß über das bisher unbekannte Schicksal der 200 polnischen Juden, die im Januar 1945 nach »Laura« gebracht wurden. Heute bestehen Briefwechsel zu Überlebenden in den USA und Uruguay.
Anfang August 1999 konnte mit Ermete Cauzzi zum ersten Mal ein Überlebender der ca. 170 italienischen Militärinternierten, die von Oktober 1943 bis Juni 1944 in »Laura« inhaftiert waren, in der Gedenkstätte begrüßt werden. Die italienischen Militärinternierten waren im Widerspruch zur Genfer Konvention als Arbeitskräfte in Konzentrationslager gebracht worden. Nur wenige überlebten.
Solche Begegnungen mit Überlebenden und Zeitzeugen werden nur noch kurze Zeit möglich sein. Nutzen wir diese Zeit!