Sonderausstellung vom März bis Oktober 1997 im Museumsdorf Hösseringen
von Horst W. Löbert
Eine Ausstellung über nationalsozialistische Agrarpolitik wie deren bäuerliche Akzeptanz, aber auch über die Konflikte im ländlichen Alltag der braunen Jahre hilft eine Lücke schließen, die in der ansonsten thematisch weitgefächerten Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus noch immer klafft.
Die bereits 1928 einsetzende Agrarkrise mit Pfändungen und Zwangsversteigerungen mobilisierte die Bauernschaft in der konservativen Basisbewegung des »Landvolks« unter dem Zeichen der schwarzen Fahne. Ihr hoher Stimmenanteil trug wesentlich zum Machtantritt der Nationalsozialisten bei. Entsprechend hoch waren die Erwartungen, denen Reichsbauernführer Darré mit den Besitzstandsgarantien des Reichserbhofgesetzes, mit einem Entschuldungsprogramm und einer Marktordnung, die Festpreise und Abnahme sämtlicher Produkte bot, auch weitgehend entsprach. Die Akzeptanz seines Blut- und Boden-Mythos mit Rassenideologie und Germanenkult hielt sich dagegen in Grenzen. Natürlich entging dem bäuerlichen Realitätssinn auch nicht, daß das vollmundige Versprechen, die Landflucht zu stoppen, angesichts der mit höheren Löhnen und geringeren Arbeitszeiten lockenden Rüstungsindustrie nicht eingelöst werden konnte, ein geradezu dramatisch anwachsender Landarbeitermangel vielmehr die hochgesteckten Autarkieziele der Erzeugungsschlachten gefährdete, die Landfrauen hoffnungslos überlastete und bei aller Propaganda die Jugend nur wenig für die ländlichen Berufe motivieren konnte. Nur mühsam konnten die fehlenden Erntekräfte durch Einsätze von Reichsarbeitsdienst, Militär und Schulklassen kompensiert werden. Erst der Krieg schaffte hier Abhilfe, als Millionen von Kriegsgefangenen und aus allen besetzten Ländern deportierte Zivilarbeiter die Ernährung der Deutschen sichern halfen, so gezwungen, gegen ihre eigenen Interessen handelnd, zur Kriegsverlängerung beizutragen.
Viele Gegenstände aus Museen und von privaten Sammlern, zahlreiche Plakate und Großfotos vermitteln in zehn Themenschwerpunkten auf 200 qm Ausstellungsfläche anschaulich die nationalsozialistische Prägung bäuerlichen Lebens, die Suggestivkraft der Propaganda, aber auch den widersetzlichen Umgang mit Reglementierungen und Verboten (z.B. Schwarzschlachten).
Besuchermeinungen zur Ausstellung
von Beatrix Herlemann
Die Ausstellung »Die deutschen Bauern geschlossen hinter dem Führer?« im Museumsdorf Hösseringen in der Lüneburger Heide erfreute sich überdurchschnittlicher Beachtung. Die regionalen wie überregionalen Zeitungen berichteten von dem Versuch, die jüngste ländliche Geschichte auszugraben, wie der Untertitel der Ausstellung signalisiert. Niedersächsische, mecklenburgische, westdeutsche und Bremer Radiosender unterrichteten darüber und verschiedene Magazinsendungen des NDR-TV brachten Beiträge zu der Ausstellung. All das ließ mehr Besucher als üblich in das nicht gerade verkehrsgünstig, dafür aber sehr idyllisch gelegene Freilichtmuseum kommen.
Das Besucherbuch weist Interessierte aus nah und fern aus. Selbst Australier, Kanadier und US-Bürger fanden sich ein. Europa ist von Skandinavien bis Italien, von Rußland bis Frankreich vertreten. Aus deutschen Landen überwiegen natürlich Besucher aus der näheren Umgebung der Lüneburger Heide, gefolgt von Bewohnern aller übrigen niedersächsischen Regionen von Oldenburg bis zum Harz. Hamburger, Bremer und Berliner hat das Museumsdorf ebenso interessiert wie Westfalen und Rheinländer, Hessen, Schwaben und Bayern. Auch aus den neuen Bundesländern sahen sich Urlauber um.
Besuchermeinungen zwischen Hoffen und Bangen
Die bekundeten Meinungen zur Ausstellung über die Bauern unterm Nationalsozialismus waren weit überwiegend positiv. Manche zeigten sich betroffen, oder tief bewegt, bedrückt, sehr nachdenklich und gar vor Schreck verstummt. Energischere Betrachter vermerkten »Aufklärung muß sein, auch die bittere Wahrheit!« Einer fühlte sich um wertvolle Erkenntnisse über unsere Ahnen bereichert. Verschiedene Besucher drückten ihren Dank an alle aus, die die dunkelste Zeit der Deutschen nicht in Vergessenheit geraten lassen. Auch den Mut und die Zivilcourage, ein solches Thema zu präsentieren, würdigten mehrere, was die Ausstellungsmacherin einigermaßen verblüffte, hatte sie es doch eher für eine ganz normale Schlußfolgerung gehalten, ihre mit Fördermitteln, sprich Steuergeldern, gewonnenen Forschungsergebnisse nicht nur in einer wissenschaftlichen Monographie für die akademische Diskussion vorzulegen, sondern auch zu popularisieren, also im übertragenen Sinne auch die eigentlichen Finanziers, sprich die Steuerzahler, einen Erkenntnisnutzen daraus ziehen zu lassen. Daß man dafür immer noch oder schon wieder Mut braucht, war ihr dabei kaum in den Sinn gekommen, allenfalls Sorge um die Exponate öffentlicher und privater Leihgeber, die im Extremfall womöglich der Zerstörungswut einiger durchgeknallter Glatzköpfe zum Opfer fallen könnten.
Doch die gaben sich bisher recht zivilisiert. Als bereits am ersten Sonntag nach Ausstellungseröffnung eine solche Kahlkopfgruppe aus Hildesheim einfiel, mied sie zwar konsequent die kritischen Texte – vielleicht fiel auch das Lesen schwer – verewigte sich aber im Besucherbuch, wie folgt: »Wir begrüßen es sehr, daß endlich eine Ausstellung weit ab von der ewigen Hetze gegen diese Zeit und gegen Deutschland entstanden ist. Wir sind nicht die Letzten von Gestern sondern die ersten von Morgen! Gau – Niedersachsen.« Das mochten die Nachfolgenden nicht so stehen lassen und konterten ungesäumt »Spinner! Nichts gelernt« und »Lerne erst einmal die deutsche Rechtschreibung, Du ›Herrenmensch‹!«
Dieser Schlagabtausch wiederholte sich mit verläßlicher Regelmäßigkeit. Die Besucher reagieren hier also anders als etwa in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, deren Leiter Volkhard Knigge vor einiger Zeit feststellte, daß früher rechte Sprüche im Besucherbuch durchgestrichen oder kommentiert wurden, während solche Eintragungen jetzt ohne Reaktion stehen blieben. Nicht so in Hösseringen.
Als im April ein Unbelehrbarer vermerkte: »Diese Ausstellung ist ein weiterer Versuch, unsere Vergangenheit durch den Dreck zu ziehen. Das Dritte Reich war nicht die dunkelste sondern die hellste Zeit unserer Geschichte. Ein ganzes Volk hat nicht geirrt«, schloß sofort ein promovierter Herr an: »Leider doch und Sie irren noch immer!! Ansichten wie die Ihre sind für jeden Deutschen zutiefst beschämend. Die Ausstellung ist hervorragend!« sekundiert von weiteren Kommentaren wie »Es ist ja nicht zu fassen«, »Der spinnt ja«, »Manche Leute lernen nie dazu« und kurz und knapp »Idiot!«. Noch sechs Seiten weiter vermerkte ein aufmerksamer Leser des Besucherbuches: »Wenn ich den ›kuriosen‹ Beitrag vom 17.4. lese und dann noch die Stimme Goebbels höre [die Besucher können vor einem Volksempfänger die Reden fahrender Nationalsozialisten von den Reichserntedanktagen, den Reichsbauerntagen u.ä.m. abhören – Anm. d. Verf.], faßt mich die kalte Wut. So etwas darf nie mehr geschehen! Yad Vashem«. Und noch einmal vier Seiten weiter wertete jemand die inkriminierte Meinungsäußerung so: »Die Eintragung vom 17. 4. ist eines der wichtigsten Ausstellungsstücke, weil damit die Verbindung der grausigen Vergangenheit zu heutigen Denkweisen in schlimmer Weise deutlich wird«.
Hetendorfer ante portas
Eine solche Verdeutlichung der unmißverständlichen Art lieferte dann eine Busladung Hetendorfer, jene unbelehrbaren Alt- und Neonazis, deren Domizil bei Celle im vergangenen Jahr polizeilich überholt und deren weitere Aktivitäten verboten wurden. An einem harmlosen Tag im Juni fielen sie ein, unter ihnen wohl auch die Mitglieder einer »altgermanischen Glaubensgemeinschaft«, kenntlich an Thor- und Odin-Anhängern und Frauen in ergrauten Zopffrisuren. Sie zierten das Besucherbuch mit markigen Sprüchen wie: »Wer sein Volk nicht ehrt, ist des Lebens nicht wert«, »Recht wird immer Recht bleiben«, »Geschichte wird immer vom Sieger der jeweiligen Zeit geschrieben« und mit eindeutigen Bekundungen wie: »Hoffentlich kommt wieder eine Zeit, in der die Begriffe Volk, Nation wieder ihren angemessenen Stellenwert bekommen« und »Diese Ausstellung zeigt, daß die damaligen Begriffe und Ansätze mehr als richtig waren und hoffentlich wiederkommen«. Und während sich einer so sehr an den NS-Erinnerungsstücken delektierte, daß er in Verzückung niederkritzelte »Das deutsche Herz geht auf! Wieder!«, bekundete ein weniger Beglückter aus dieser Gruppe: »Eine wirkliche Dokumentation; dokumentiert wird anschaulich, daß die Aussteller von der Geschichte keine Ahnung haben«.
Der unvermeidliche Nostalgie-Effekt
Die Ausstellungsmacherin grübelte angesichts dieses »Gruppenereignisses der besonderen Art« dagegen einmal mehr über das Problem nach, wie bei sachlich-kritischer Präsentation von NS-Themen der Nostalgie-Effekt bei den meist älteren Betrachtern zu vermeiden sei. Diskussionen mit einschlägig erfahrenen und einschlägig leiderprobten Kollegen an Museen ergaben immer wieder, daß sich diese leidige Erinnerungsseligkeit einfach nicht völlig ausschließen lasse. Allzu stark verfremdende Inszenierungen oder auch gar zu subtile Arrangements um einzelne »NS-Devotionalien« gehen am Verständnis von Otto-Normalbetrachter vorbei, halten überdies eingefleischte Bekenner auch nicht von Begeisterungsausbrüchen ab. So beobachtete die Aufsicht einmal einen jungen Mann, der lange in die Betrachtung der Eingangsinszenierung vertieft – aus einem Erdhaufen ragten bei Kriegsende hastig verscharrte Waffen, Munition, Propaganda-Schrott aller Art und eine angesengte, durchlöcherte Hakenkreuzfahne – schließlich die Hacken zusammenknallte und den Arm zur »Ehrenbezeugung« hochriß. Anschließend ergoß er sein übervolles Herz in einen ganzseitigen Eintrag, der in den Ausruf mündete: »Es lebe Deutschland!« Dann schienen ihm doch Bedenken gekommen zu sein. Denn in einem Nachtrag fragte er leicht besorgt: »Haltet ihr mich jetzt für einen ›Nazi‹?« Nicht im mindesten vom Zweifel geplagt, verkündet dagegen ein Altvorderer: »Es macht Freude, sich die Ausstellung anzusehen. Sprachen die Dokumente doch deutlich von dem Volkszusammenhalt und der Freiwilligkeit, mit der sich der Einzelne in Pflicht und Arbeit und Freude für sein Volk, sein deutsches Volk, gestellt hat, das nur als Bauernvolk Bestand hat«. Er unterzeichnet mit vollem Namen, gemalter Odalsrune und der Datierung »10. Gilbhard 1997«. Hatten die Blut-und-Boden-Mystiker zu Beginn der NS-Herrschaft vergeblich versucht, die »altgermanischen« Monatsnamen einzufahren, so haben wir doch hier einen Getreuen, bei dem die einstigen Bemühungen noch immer von nachhaltiger Wirkung künden.
Eine solche Langzeitwirkung penetranter NS-Propaganda signalisieren auch im Besucherbuch verewigte Sprüche wie: »Es gibt keinen Aufstieg, der nicht beginnt bei der Wurzel des völkischen, nationalen und wirtschaftlichen Leben – beim Bauern.« (ein gängiger Spruch der NS-Agrarpropaganda, die das Bauerntum ideologisch stark hofierte im Interesse des hochgesteckten Autarkiezieles »Ernährung aus eigener Scholle«) und »Besitz stirbt, Sippen sterben, Du selbst stirbst wie sie, eins nur weiß ich, daß ewig lebt der Toten Tatenruhm«, darunter eine Wolfsangel, weitverbreitete Schmuckrune der vom Germanenkult besessenen Blut-und-Boden-Schwärmer. Natürlich läßt hier wie auch im nachfolgenden Spruch der total vereinnahmte Hermann Löns mit seinem »Wehrwolf« grüßen: »Schwert zu Sichel, Sichel zu Schwert. Beider Ernte die Heimat ernährt«, wobei man sich schon fragt, wie denn die »Ernte des Schwertes«, das waren im 2.Weltkrieg u.a. hunderttausende gefallener Bauernsöhne und große Territorialverluste, irgend etwas zur Ernährung der noch verbliebenen Heimat beizutragen vermögen.
Rechtfertigungen und Abschwächungsversuche
Manch älterer Zeitgenosse versuchte, das von den Nazis angerichtete Elend mit Eintragungen wie dieser abzuschwächen: »Es gab auch eine Menge Gutes! In Einzelfragen stimmt jedoch diese Ausstellung.« Aber auch das blieb nicht unwidersprochen. Sofort stellte jemand klar: »Es gibt nichts Richtiges im Falschen, also auch nichts Gutes im Verderben.« Und als sich ein Bewohner von Toppenstedt im Kreis Harburg zu dem Seufzer hinreißen ließ: »Schade, daß wir den Krieg verloren haben«, konterte ein 62jähriger aus Essen »Gott sei Dank!«. Auf die Bekundung, es sei »schön, diese alten Originalaufnahmen wieder zu sehen«, echote der Nächste: »Schön«? mit deutlich schockiertem Unterton. Tadelnd wurde vermerkt: »Einige Besucher scheinen den Sinn und Zweck dieser Ausstellung nicht zu verstehen. Erschreckend!«
Manche, die sehr wohl verstanden hatten, versuchten trotzdem Entlastungen. Ein nach Südafrika ausgewanderter Sohn der Heide, der alljährlich seine alte Heimat besuchte, gab zu bedenken: »Weil Hitler viel falsch gemacht hat, heißt das noch immer nicht, daß die anderen (Engländer usw.) Engel waren. Bestimmt haben die auch viel falsch gemacht«. Auch bei Führungen waren um Nivellierungen bemühte Meinungen zu hören wie: »Im Krieg geschehen immer Verbrechen, auf allen Seiten« und »Krieg ist immer schrecklich«. Die grausame Behandlung deutscher Landfrauen, die sich mit deportierten Zivilarbeitern eingelassen hatten, dafür öffentlich gebrandmarkt, in Haftanstalten und KZ eingewiesen wurden, versuchte eine ältere Besucherin mit dem Hinweis abzuschwächen, den Französinnen, die mit deutschen Soldaten gingen, seien nach dem Krieg auch die Haare abgeschnitten worden. Eine einst begeisterte »Arbeitsmaid« versicherte: »Glauben Sie mir, der Nationalsozialismus war eine gute Sache, wenn nur das mit den Juden nicht gewesen wäre«.
Eines Tages im September brachte ein Bus die Mitglieder eines Heimatvertriebenen-Vereins in die Ausstellung. Einer hinterließ die verinnerlichte nationalsozialistische Propagandaversion: »Der Versailler Vertrag führte zum Notverkauf aller Bauernstellen an die Juden. Dieser Vertrag war die Grundlage für den Krieg – weil ein Volk sich wehrte. A.D. Ostpreußen«. Eine ältere Frau aus dieser Gruppe sinnierte angesichts der dargestellten Ausgrenzung der Juden: »Ja, die Juden haben den Bauern viel Böses angetan«. Eine Nachfrage, was das denn konkret gewesen sei, wurde nur mit einem bekräftigenden »Glauben Sie mir, das war so« beantwortet.
Auch ein wackerer Dreiertrupp alter Kämpen hatte sich aus entfernterem Heidedorf aufgemacht, wild entschlossen, nichts als den alten Glauben an die Unfehlbarkeit des Führers und die Rechtmäßigkeit ihres eigenen Tuns gelten zu lassen. Sie spektakelten herum: »Alles Lüge, das war eine prima Zeit, Jugendliche lernten Disziplin und Arbeit, heute sind doch 50% der Jugend fürn Eimer« usw.. Natürlich fehlte auch die original nationalsozialistische Erklärung der einstigen Ostfrontkämpfer zum Überfall auf die Sowjetunion nicht, im Kampf vor Moskau und Stalingrad Deutschland vor der bolschewistischen Gefahr bewahrt zu haben. Nicht Großraumpolitik und Weltherrschaftsgelüste, nicht ukrainischer Weizen und Erdöl waren die Triebfedern, allein das edle Streben, die deutschen Frauen und Kinder vor den bolschewistischen Untermenschen zu schützen. Da kann man nun gar nichts mehr machen, allenfalls noch Schiller zitieren: »Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens« …und Historiker in jahrzehntelangen Forschungen schon ganz und gar.
Was Zeitzeugen meinen
Im hitzegeladenen August lieferte ein Besucher einen deutlich lesbaren, längeren Beitrag mit allerdings nicht entzifferbarer, schnörkelverfremdeter Unterschrift. Recht interessant fand er das Gesehene. »Nicht vergessen werden sollte aber, daß vieles damals (der Not des Krieges entspringend) notwendig war und manches zeitlos gesehen auch richtig. So wichtig eine kritische Betrachtung des Nationalsozialismus ist, darf keineswegs über das Ziel hinausgeschossen werden. Gerade heute, wo immer weniger Zeitzeugen noch leben, wird die damalige Zeit immer mehr verteufelt und alles als Verbrechen angesehen (auch was keines war oder die Deutschen daran keine Schuld tragen). Diese Tendenz ist leider auch in dieser Ausstellung enthalten. Ein klein wenig mehr Objektivität und Wahrheitsliebe täte manchen Bereichen ganz gut«. Die hier eingeklagte Objektivität und Wahrhaftigkeit bescheinigten dagegen gerade auch immer wieder Zeitzeugen jener unseligen braunen Jahre. Eine Dame, Jahrgang 1920, einem gutsituierten Bauernhof im Braunschweigischen entstammend, jahrzehntelang verdienstvoll im Landfrauen-Verband aktiv, vermerkte bereits zu Beginn der Ausstellung: »Als Zeitzeugin stelle ich fest, daß diese Dokumentation die Wirklichkeit darstellt«. Tags darauf bekräftigte ein, der deutschen Schrift nach zu urteilen, wohl älteres Ehepaar aus Göttingen: »Alles entspricht der Wahrheit. Davon brauchen wir mehr«. Ein niederländisches Ehepaar mit akademischem Titel zeichnend, bekräftigte: »Gute Darstellungen, viel Material! Als ›Zeitgenossen‹ damaliger Umstände wissen wir das zu würdigen«. Und ein Landsmann, Arzt aus Almelo, sekundiert einen Monat später: »Sehr gut diese Bewältigung der NAZI-Vergangenheit«.
»Braun ist die Heide…?«
Selbst ältere Bewohner der Lüneburger Heide, denen weniger Wohlmeinende nachsagen, sie seien noch immer braun bis auf die Knochen – eine Regionalgeschichte zu Lüneburgs Weg ins Dritte Reich von 1984 trägt nicht von ungefähr den Titel »Heimat, Heide, Hakenkreuz«, der Stern widmete dem »braunen Sumpf« dort im August 1987 einen langen Artikel, Die Zeit spießte im Juli 1992 eine noch immer liebevoll gepflegte Inschrift braunen Ungeistes über einem Bäckerladen in Wietzendorf auf – drückten ihre Zustimmung aus. Die Vorsitzende von 25 Mitgliedern einer Rot-Kreuz-Gruppe, alles Landfrauen, schrieb nieder: »Ich habe die Zeit erlebt und finde diese Ausstellung sehr gut. Ich war Gemeindeschwester in der Heide, bin 75 Jahre.«
Kegelverein und Jungfeuerwehrleute, Gästeführerinnen und Hofbelegschaften wanderten durch die Ausstellung und trugen sich ins Gästebuch ein.
Aus dem nahen Holthusen kam der bereits vom Streit um die Neufassung der »Gedenkstätte Deutscher Widerstand« in Berlin Ende der Achtziger Jahre her bekannte Einwand, Kommunisten könnten nicht mit christlichen, bürgerlich-honorigen und militärischen Widerständlern gemeinsam präsentiert werden. An einer Wand waren drei Schicksale Verfolgter vorgestellt, ein Sozialdemokrat, ein Kommunist (wahre Raritäten unter den Bauern der Weimarer Republik) und ein Pfarrer der Bekennenden Kirche. Das störte den Mann, denn: »Kommunismus und Nationalsozialismus sind gleiche, menschenverachtende Ideologien. Daher kann der (ehem.) Kommunist und der Christ (P. Behrens) nicht an gleicher Stellwand hängen!« Eine kirchliche Frauengruppe aus einem größeren Kurort der Heide störte dagegen die der Frau im »Dritten Reich« zudiktierte Rolle. Sie dankte Gott, »daß die Zeit der Haken- und Mutterkreuze = Karnickelorden vorbei ist«.
Der Heimatbund Hermannsburg, auf Mai-Ausflug, attestierte: »Aufklärung und Mahnung zugleich! Eine beeindruckende Ausstellung« und ein Doktor aus dem ferneren Oldenburg fand Informationen, »durch die uns Heutigen manches schwer verständliche Verhalten unserer Eltern und Großeltern etwas einsichtiger wird«.
Eine Vertreterin des Niedersächsischen Vereins für Familienbildung, Kultur und kreatives Gestalten wünschte gar: »Ausstellungen dieser Art zu besuchen, sollte für Schulklassen zur Pflicht werden, vielleicht wird das Feld der ›Zweifler und ewig Gestrigen‹ dann kleiner«. Ein besorgter Hannoveraner artikulierte den gleichen Wunsch nach Besuch vieler Schulklassen, Landfrauen-Verbände, Landjugend usw. und bekundete: »Die Landbevölkerung der Lüneburger Heide kenne ich gut. Sie macht mich oft traurig und wütend. Viele Menschen hier würden, stiege ein neuer ›Führer‹ auf, ihm blindlings folgen. Die Wahlerfolge der NPD in weiten Gebieten der Heide geben ein Zeugnis dafür ab«.
Auch heutige Frustrationen werden abgeladen
Von ähnlichen Sorgen geplagt, befindet ein Bremer: »1945 bekam das Land eine neue Ordnung, unsere Demokratie. Das Volk blieb das gleiche. Sehe ich auf dem platten Land die Freiwilligen Feuerwehren und Schützenvereine mit ihren Uniformen-, Orden- und Abzeichenfimmel, erinnert mich das an das Gehabe der SA etc. WEHRET DEN ANFÄNGEN!« und eine weitere Meinung zur politischen Einstellung der bäuerlichen Bevölkerung heute: »Traditionell konservativ wählen sie auch heute wieder – leider – nämlich CDU, der das ›C‹ dringend abgesprochen werden sollte«. Eine andere Eintragung sekundiert: »In Munster ging die NSDAP nach dem Krieg in die CDU über, mit denselben leitenden Personen. Der Übergang in die ›Demokratie‹ auf kommunaler Ebene fand bruchlos statt«. Der nächste schloß sich mit dem Ausruf an: »Nicht nur in Munster!« Jemand, dem der Militärstandort wohl ein Dorn im Auge ist, fragt eindringlich: »Bei der Beseitigung des NS-Erbes fehlt jetzt nur noch eins: Wann wird der riesige Truppenübungsplatz Munster wieder frei?« Und ein wohl ganz und gar an den heutigen neofaschistischen Ausfällen Verzweifelnder bemerkt: »Immer wieder bedrückend, das zu sehen. Wann wird es die Ausstellung ›Faschismus 1945 bis 1997‹ geben?« Ein anderer befindet nach Besichtigung der Ausstellung: »Es ist ergreifend, wieviel Ähnlichkeiten heute wieder sind«. In die gleiche Richtung zielen die Fragen: »…Und was ist heutzutage los mit der Landwirtschaft? – Und warum gibt es junge Leute, die mit den Füßen (in Stiefeln) andere Leute zu Tode treten? Alles wird gut aber besser wird nichts«. Und mit Blick auf ein Großfoto, eine Gruppe Kinder beim Soldatenspiel in Bergen zeigend: »Heute spielen Kinder in der Nähe des Truppenübungsplatzes Bergen/Celle auch in Kampfanzügen mit Gewehrattrappen. Und die Eltern?«
Ganz andere Sorgen treiben die um ihre Existenz kämpfenden Bauern um, die sich vereinzelt artikulieren. An die sogenannte Landvolkbewegung Ende der zwanziger Jahre anknüpfend – ein konservativer Basisprotest von Schleswig-Holstein und Oldenburg ausgehend, mit schwarzen Fahnen, Steuerboykotten und Verweigerungen von Zins- und Ratenzahlungen, gegen das ganze »Weimarer System« gerichtet – ist ein Beitrag mit »Die neue Landvolkbewegung« gezeichnet. Er führt aus: »An jedem Tag werden im Westen der Bundesrepublik 70 Höfe aufgegeben, ein ›Bauernlegen‹ unvorstellbaren Ausmaßes! Die Vernichtung des Bauernstandes ist ein wesentlicher Schritt zur Zerstörung des deutschen Volkes und der Völker überhaupt. Haben die Veranstalter dieser Ausstellung einen Vorschlag, mit welchen politischen Maßnahmen der Bauernstand gerettet werden kann?« Monate später bekräftigt noch einmal ein anonymer Eintrag: »Jedes Jahr schließen tausende Bauernhöfe für immer ihre Tore«.
Ein sich vermutlich von den Besitzveränderungen nach 1989 in Ostdeutschland benachteiligt fehlender Besucher aus Salzgitter, der die NS-Zeit als Kind erlebt hat, gab zu bedenken, es habe nicht nur negative Abläufe gegeben und das größte Unrecht dieser Zeit wäre nicht allein stehend. »Doch was ist das Schmachurteil unserer Tage, die Bodenreformopfer 1945/49 nicht wieder in ihren Besitzstand zu bringen?! Roland Freisler wäre stolz auf seine Nachkommen, ›der Sippenhaftung‹.«
Da scheint ihm in der Erregung doch einiges durcheinander geraten zu sein. Roland Freisler amtierte bekanntlich nicht am Reichserbhofgericht in Berlin sondern fällte seine Todesurteile in Serie am Volksgerichtshof. Gleichsetzungen ungleichwertigen Unrechts haben noch nie zur Erhellung beigetragen.
Leute, die dagegen nur Bambule stiften oder Dampf ablassen wollen, feuern Breitseiten ab wie diese: »Deutschland 1997 am Boden! Unser Geld für alle ›Asylanten‹ und nicht für Landsleute! Der ›Euro‹ ist dann der totale Untergang! Wo bleibt der Führer!« und »Härtere Strafen gegen Ausländer (Asylanten…) Kanter + Schröder …!«
Immer wieder zeigten sich Besucher erschrocken über solche Eintragungen und zitierten Brecht’s zum geflügelten Wort gewordenen Ausspruch »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch«. Beschwörungen wie »Wehret den Anfängen«, und »Nie wieder Krieg« durchziehen geradezu leitmotivisch das gesamte Besucherbuch.
Nachdenklichkeiten
Einzelne Besucher vertieften sich sehr gründlich in die zu den verschiedenen Themenbereichen ausgelegten Dokumentenmappen. Ein älterer Herr aus Lüneburg erwähnt, bereits zum dritten Mal da zu sein und noch immer nicht alles erfaßt zu haben. Manche lassen erkennen, daß sie mit dem Gesehenen nicht so schnell fertig sein werden. Eine Familie aus Philadelphia schreibt. »Es ist die erste Begegnung mit dem Nationalsozialismus für unsere Kinder. Wir werden bestimmt noch den halben Sonntag darüber reden«. Eine ältere Dame aus einem Heideort, die sich sehr erstaunt über das Zusammengetragene zeigt, will es auch ihren Kindern weitersagen. Ein aus Sachsen-Anhalt Angereister läßt wissen: »Für mich war ein Hakenkreuz oder Hitlerbild etwas, was man gar nicht ansehen durfte. Aber das ist ja auch eine falsche Ansicht«.
Es finden sich auch zu DDR-Zeiten keine regional- und lokalgeschichtlichen Untersuchungen, wie sie seit den 70er Jahren in der Bundesrepublik von Historikern und alternativen Spurensuchern in wachsender, heute kaum mehr überschaubarer Zahl vorgelegt wurden. Hier wurden die Vorgänge vor der eigenen Haustür nach 1933 aus dem verdrängten Dunkel hervorgeholt, der zahlenmäßig sehr geringe Widerstand der Linken und die breite Verfolgung Andersdenkender, das Wegsehen der meisten, die Bereicherungen am Eigentum des jüdischen Nachbarn, die Denunziationen um des persönlichen Vorteils willen, die fehlende Hilfe für Verfolgte wie die wenigen Beispiele großen persönlichen Muts, die Verführbarkeit der Masse wie die des Einzelnen.
In den Kommunen, Regionen und Ländern der alten Bundesrepublik ist diese Aufarbeitung vor Ort auch nicht ohne Widerstände und Behinderungen vor sich gegangen. Doch Historikerethos wie engagierter Bürgersinn haben sich hier durchgesetzt. Das gilt auch für die inzwischen weit gediehene Verhaltenserforschung einzelner Berufsgruppen. Wir wissen heute viel über die Positionen der Arbeiterschaft im Dritten Reich, der Handwerker und Beamten, über die Rolle einzelner Unternehmen und Unternehmer, über Mediziner und Juristen, Journalisten, Schriftsteller, Theaterleute usw.. Doch einen weißen Fleck gab es bis in die neunziger Jahre, die Bauern, die unbekannten Wesen im Nationalsozialismus.
Nicht von ungefähr werden im Besucherbuch denn auch Fragen gestellt wie die von einer Niederländerin: »Warum sind eigentlich die Bauernverbände nie auf die Idee gekommen, so eine Ausstellung zu machen?« oder Dank ausgesprochen von dem Vertreter einer Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft »für den Mut, dieses lange totgeschwiegene Thema aufzugreifen!« Eine Eintragung lautet: »Immer noch zu früh? Gerade hier – für manche eine Wallfahrtsstätte?« [mit »gerade hier« ist der benachbarte Landtagsplatz, 1936 zum »Bauern-Ehrenthing« umfunktioniert, gemeint – Anm. d. Verf.]. Ein aus dem nahen Celle stammender Besucher, der wohl um die gründliche Verdrängung der NS-Zeit gerade auf dem Lande weiß, freut sich über den Mut des Museumsdorfes, »auch unbequeme Facetten ländlicher Geschichte zu thematisieren« und denkt, »daß diese Ausstellung auch zur Diskussion in den Familien und deren Geschichte beiträgt«.
Zwei Bremer notierten im letzten Frühjahr: »Überfällig (wie die vieldiskutierte Ausstellung ›Verbrechen der Wehrmacht‹, siehe München, Hamburg, demnächst Bremen) – und richtig, wichtig, notwendig. Ein bedeutsames ›weites Feld‹ mitten im Lande, inmitten der grausigen Totale…« Parallelen zur Wehrmachts-Ausstellung werden noch öfter gesehen. So schreibt ein Schüler: »Diese Zeit ist ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte, welches meiner Meinung nach noch nicht hinreichend behandelt wurde. Das bestätigen z.B. Aussagen von Leuten wie Peter Gauweiler (Wehrmachtsausstellung) oder Günther Deckert (Es gab keine KZ’s)…«
Überhaupt bringen Jugendliche sehr Nachdenkliches zu Papier. Ein, der Schrift nach zu urteilen, noch sehr junges Mädchen: »Leider konnte ich mir beim Film ›Schindlers Liste‹ nicht einreden, daß es nur im Film so ist. Genau so ist es hier!« Und eine Schülerin aus Hamburg füllt eine ganze Seite, berichtet auch über ihre Eindrücke vom KZ Neuengamme und bemerkt: »Erstaunlich, wieviel Beweismaterial in dieser Region zusammenkam, wo doch keiner was wußte, gesehen oder gehört hatte und erst recht nichts getan hatte – in jeder Hinsicht. Jetzt nach 50 Jahren fühlen sich viele wieder sicher und verbreiten die gleichen Parolen, beeinflussen, ja hetzen die Jugend wieder auf (persönlich erlebt)…« Wie viele schon vor ihr wünscht sie: »Hoffentlich wird sie noch von vielen Bauern aus dem ganzen Bundesgebiet gesehen, oder noch besser, in anderen Bundesländern gezeigt, zu den Menschen gebracht«.
Der Wunsch nach stärkerer Verbreitung
Wie ein roter Faden zieht sich der Wunsch nach möglichst vielen Betrachtern und stärkerer Verbreitung dieser Sonderschau durch das ganze Buch. Ein kulturwissenschaftlicher Student meint, die Ausstellung solle auch an anderen Orten gezeigt werden. Der Bewohner eines Hannover benachbarten Ortes befand: »Eine sehr notwendige Ausstellung. Sie muß auch in der Landeshauptstadt Hannover gezeigt werden«. Manche plädieren dafür, sie zur Dauerausstellung zu machen und immer wieder kam der Vorschlag einer Wanderausstellung. Auch Vertreter der Kreisvolkshochschulen, der Ländlichen Erwachsenenbildung, des Landfrauenverbandes und verwandter Organisationen bekundeten ihr Interesse. Mitarbeiter des niedersächsischen Kultusministeriums sahen sich gründlich um, waren sehr angetan und griffen den Vorschlag auf. Schließlich brachten sie aus ihren knappen Haushaltsmitteln eine Finanzierung zustande, die auch noch den Druck eines Begleitheftes einschloß und Anfang 1998 konnte auf 15 Tafeln ein komprimierter Überblick zur nationalsozialistischen Agrarpolitik und zum Verhalten der bäuerlichen Bevölkerung zwischen Begeisterung und Kritik erstellt werden, die im Juni im Foyer des niedersächsischen Landtags präsentiert wurde und seitdem von jeder Einrichtung geordert werden kann. Notwendig sind nur ein geeigneter Raum und ein Transport. Eine Kopie des Besucherbuches wird mit auf die Reise gehen, denn nach Meinung mancher Besucher ist es ja inzwischen zum interessantesten Exponat der ganzen Ausstellung geworden. Wie schrieb eine Besucherin gegen Ende der Saison: »Schon dieses Buch ist einen Besuch dieser Ausstellung wert, denn beim Drinlesen wird mir erschreckend deutlich, wie uneinsichtig und verbohrt einige Mitmenschen sind«.
Wanderausstellung, Infos:
Museumsdorf Hösseringen
Am Landtagsplatz
39556 Suderburg-Hösseringen
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