12. Workshop zur Geschichte der Konzentrationslager

Tagungsbericht; 26.–30. Oktober 2005
02/2006Gedenkstättenrundbrief 129, S. 26-29
Christine Müller

Der von einem polnischen und drei deutschen Doktoranden organisierte 12. Workshop zur Geschichte der Konzentrationslager fand Ende Oktober 2005 im polnischen Lublin statt. Am 26. Oktober 2005 versammelten sich fast vierzig junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus sechs Ländern in einem Lubliner Kloster, um sich über unterschiedliche interkulturelle und interdisziplinäre Aspekte der Konzentrationslagerforschung auszutauschen.

Die Beiträge aus den verschiedenen Fach- und Forschungsbereichen wie Literatur, Soziologie, Politik, Geschichte, Kunstgeschichte, Architektur, aber auch Musik-, Film- und Sportwissenschaft boten die Grundlage für angeregte Diskussionen, in deren Mittelpunkt die Vernichtungslager auf heutigem polnischen Staatsgebiet standen.

Die 15 Referentinnen und Referenten stellten in sehr anschaulich präsentierten 20-minütigen Beiträgen ihre Forschungsergebnisse dar und sprachen dabei offene Fragen an. Diese Form des Workshops ermöglichte einen umfassenden und für alle Seiten Gewinn bringenden Austausch.

Einführend fand eine Lesung aus dem Roman »Hundejahre« von Günter Grass statt, die das erste Thema des Workshops einleitete: Konzentrationslager in der Literatur. Dazu referierte Sheridan Burnside (London) über die Darstellung des KZ Stutthof in Günter Grass’ Roman »Hundejahre« aus literaturwissenschaftlicher Sicht. Die britische Germanistin arbeitete anhand verschiedener Textbeispiele die Frage nach der literarischen Darstellbarkeit des Holocaust heraus und verknüpfte diese mit der spezifisch deutschen Erinnerungskultur nach 1945. Sie eröffnete eine Debatte über die Rolle von Historikern und Schriftstellern als Träger der kollektiven Erinnerung, die später immer wieder aufgegriffen wurde.

Einen wichtigen Stellenwert nahmen im diesjährigen Programm des Workshops heutige Gedenkstättenkonzeptionen ein. Diese konnten in der Praxis insbesondere bei den Besichtigungen der Gedenkstätten Bełżec und Majdanek veranschaulicht werden. Durch die 2004 eröffnete neue Gedenkstätte für die Opfer des Vernichtungslagers Bełżec führte der Leiter Robert Kuwałek. Anschließend wurde das Thema »Didaktik in KZ-Gedenkstätten« von der polnischen Doktorandin Zuzanna Bogumił (Warschau) mit ihrem in englischer Sprache gehaltenen Beitrag über touristische Perspektiven auf das Konzentrationslager Majdanek eingeleitet. In ihrer Promotionsarbeit untersucht sie die Motivation der Besucher von Gedenkstätten, die sie methodisch durch Besucherbefragungen und Interviews zu erfassen versucht. Einen anderen Ansatz wählte René Mounajed (Göttingen), der in seinem Beitrag nach den Aufgaben der Geschichtsdidaktik in KZ-Gedenkstätten fragt. Das von René Mounajed vorgestellte Konzept empfiehlt einen mindestens zweitägigen Aufenthalt in den Gedenkstätten, um die Geschichte des Ortes zu erläutern und darüber hinaus auf individuelle Fragen der Schülerinnen und Schüler näher eingehen zu können. Kontrovers diskutiert wurde vor allem, ob es nötig und überhaupt möglich ist, einen Bezug zu aktuellen Menschenrechtsverletzungen herzustellen – eine Frage, die René Mounajed in den Raum stellte.

In der Gedenkstätte Majdanek wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops durch den Direktor Edward Balawejder begrüßt und anschließend von einem langjährigen Mitarbeiter, Wiesław Wysok, über das frühere Lagergelände geführt. Während dieser Besichtigung wurde nicht nur die Geschichte des Ortes vermittelt, sondern auch die Konzeption der Ausstellung erklärt. Ein weiterer Mitarbeiter der Gedenkstätte, Grzegorz Plewik, berichtete danach über die Debatten zu den geplanten zukünftigen Ausstellungen in der Gedenkstätte Majdanek und stand anschließend für Fragen zu Verfügung.

Ein weiterer Themenkreis, der während des diesjährigen Workshops besprochen wurde, war die Täterforschung. Jan Henrik Fahlbusch (Erfurt/Berlin) schilderte in seinem Beitrag die vielfältigen Formen physischer Gewalt im Vernichtungslager Bełżec und bestätigte mit seinen Untersuchungen zwei Kernaussagen der Holocaustforschung: die Alltäglichkeit von willkürlicher Gewalt war eine zentrale Form der Herrschaftspraxis und die Handlungsspielräume der Lager-SS und der »Trawniki-Männer« wurden von diesen individuell unterschiedlich genutzt.

Darauf aufbauend wurden zwei typische Lebensläufe von Tätern des Dritten Reiches vorgestellt. Marco Pukrop (Hannover) machte an der Karriere des Lagerarztes Heinrich Rindfleisch im KZ Majdanek und an seiner späteren Tätigkeit als praktizierender Arzt in Westdeutschland deutlich, wie tief Mediziner in die nationalsozialistischen Verbrechen verstrickt und wie vielfältig ihre Möglichkeiten nach dem Krieg waren, sich der strafrechtlichen Verfolgung zu entziehen. Einen anderen Ansatz wählte Birga Meyer (Bremen) mit ihrer sehr gelungenen Analyse des Prozesses gegen Fritz Hildebrand, des ehemaligen Lagerkommandanten von Drohobycz und Borysław, der 1953 in Bremen wegen seiner Beteiligung an nationalsozialistischen Gewaltverbrechen zu acht Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Birga Meyer versuchte durch die sprachliche und quellenkritische Untersuchung der Gerichtsakten Rückschlüsse sowohl auf die Art der Verbrechen, die Hildebrand während des Zweiten Weltkrieges begangen hatte, als auch auf verharmlosende Täterdiskurse der westdeutschen Gesellschaft der frühen 50er Jahre zu ziehen.

Als nächstes Themenfeld schlossen sich die nationalsozialistischen Lager im ehemaligen und heutigen Polen an. Andrea Rudorff (Berlin) beschrieb in ihrem Forschungsprojekt das System der Außenlager des KZ Groß-Rosen. Dabei stellte sie nicht nur deren historische Funktion in den unterschiedlichsten industriellen Betrieben in den Mittelpunkt ihrer Arbeit, sondern auch – falls vorhanden – die heutigen Erinnerungsorte. Piotr Weiser (Lublin) referierte in englischer Sprache über die Beziehungen zwischen den Konzentrationslagern Groß-Rosen und Majdanek in der Zeit von 1941 bis 1944. Er stellte detailliert zwei Transporte zwischen den Lagern vor und wies dabei auf die dürftige Materiallage hin.

Den dritten Beitrag zu diesem Themenkomplex lieferte die polnische Doktorandin Małgorzata Preuss (Warschau), die ihre Untersuchung der Zentralbauleitung im KZ Auschwitz-Birkenau vorstellte. Sie legte dar, dass die Angestellten dieser Institution die gesamte bauliche Infrastruktur aller Lageranlagen – auch die der Krematorien – entwickelten und erstellten. Die Warschauer Doktorandin analysierte soziologisch die deutsch-polnisch-jüdischen Verhältnisse im Büro der Zentralbauleitung und auf den Baustellen, dabei hinterfragte sie vor allem die Rolle der polnischen Zivilarbeiter als Zeugen der Shoah.

Anschließend wurde ein weiterer Forschungsgegenstand untersucht, der besonders die unterschiedlichen deutschen und polnischen Ansätze betonte: die Erinnerung an die Konzentrationslager. Die polnische Doktorandin Zofia Wóycicka, die vom angesehenen Warschauer Professor Włodzimierz Borodziej betreut wird, untersucht mit diskursanalytischen Mitteln die Debatten um die Interpretation der Erfahrung von NS-Konzentrations- und Vernichtungslagern in Polen 1944–1950. Auch in Polen gab es keine einheitliche kollektive Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, sondern eine Vielzahl öffentlicher Debatten zwischen verschiedenen Opfer- und Interessengruppen. Ihr besonderer Schwerpunkt liegt auf der Gestaltung der Geschichtserinnerung in autoritären Gesellschaften. Einen anderen Ansatz verfolgt die Architektin Alexandra Klei (Berlin), die in ihrer Promotionsarbeit die Architektur der nationalsozialistischen Konzentrationslager hinsichtlich ihrer Bedeutung für Erinnerung und Gedenken analysiert und im Besonderen nach der Funktion von Architektur und ihrem Stellenwert in der Präsentation und Produktion von Geschichtsbildern fragt. Aus kunsthistorischer Perspektive untersuchte Annika Wienert (Bochum) die Aufgabe und Funktion von KZ-Denkmälern am Beispiel des Denkmals in Auschwitz-Birkenau. Dabei stand die Überlegung, ob eine künstlerische Formensprache eine Antwort auf die Frage geben kann, was Auschwitz war, und ob sie diese vermitteln kann, im Mittelpunkt ihrer Betrachtung.

Film als historische Quelle nutzte Christine Müller (Heidelberg) in ihrer Analyse über die Darstellung des Frauenlagers Auschwitz-Birkenau. Dabei bezog sie sich auf zwei polnische Filme: »Ostatni Etap« (Die letzte Etappe) von Wanda Jakubowska (1947) und »Pasażerka« (Die Passagierin) von Andrzej Munk (1961/63). Letzterer wurde auch innerhalb des Workshops vorgeführt und führte mit der anschließenden Präsentation des 1944 von Aleksander Ford gedrehten Dokumentarfilms über die Befreiung Majdaneks zu einem tieferen Verständnis des polnischen Blicks auf Auschwitz-Birkenau und zu einer angeregten Diskussion über die Darstellbarkeit des Holocaust mit den Mitteln des Films.

Abschließend gingen zwei Referentinnen auf den Themenkomplex Alltag im Konzentrationslager ein. Veronika Springmann (Berlin) untersucht in ihrer Promotionsarbeit Sport als Praxis der Gewalt in den Konzentrationslagern. Sport, Strafexerzieren und Strafturnen wurden gezielt als Techniken zur gewaltsamen Herrschaftsausübung im Konzentrationslager eingesetzt. Diese erlebten Gewalterfahrungen stehen im Mittelpunkt der Sport- und Geschichtswissenschaftlerin.

Einem anderen Paradoxon widmet sich die Doktorandin Juliane Brauer aus Potsdam in ihrer Arbeit über Musik und Gesang im Konzentrationslager Sachsenhausen. Musik war sowohl ein Instrument zur Disziplinierung und Demütigung und gehörte somit zur alltäglichen Herrschaftspraxis der SS. Dennoch zählte sie auch als fester Bestandteil zur Bewältigungsstrategie der Häftlinge und nahm teilweise durchaus therapeutischen Charakter an.

Die Organisationsform des Workshops, kurze Referate mit anschließender ausführlicher Diskussion der dargestellten Thesen, war sehr ansprechend und so auch für die Teilnehmer des Workshops, die keine Referate hielten, geeignet, sich in das Forum einzubringen. Studentinnen und Studenten aus Deutschland, Großbritannien, Litauen, Österreich, Polen und sogar Japan brachten interessante Anregungen und Gedanken ein, die die Diskussion beflügelten.

Die gut durchdachte Auswahl der Referentinnen und Referenten, Vertreterinnen und Vertreter zahlreicher Fachrichtungen, die sich in verschiedenen Stadien ihrer Forschungstätigkeit befinden und dabei teilweise sehr unterschiedliche Fragen an den Forschungsgegenstand stellten, bereicherten den Gedankenaustausch.

Dazu kamen die Besichtigungen zweier ganz unterschiedlicher Gedenkstätten, die die Probleme der heutigen Gedenkstättenkonzeptionen verdeutlichten: Bełżec als Ort, an dem nach dem Krieg nichts an die Ermordung einer halben Millionen Juden erinnerte und an dem inzwischen ein beeindruckendes Mahnmal und eine zeitgemäß konzipierte Ausstellung errichtet wurden, und Majdanek, das durch das noch erhaltene Lagergelände und die dortige Ausstellung nicht minder ergreifend war.

Demgegenüber wird der 13. Workshop zur Geschichte der Konzentrationslager verstärkt die verschiedenen Lagertypen und ihre Funktion im nationalsozialistischen Terrorsystem in den Blick nehmen und soll besonders die französischen und luxemburgischen Nachwuchsforscherinnen und –forscher ansprechen. Als Tagungsort wurde Saarbrücken gewählt, Besichtigungen der ehemaligen Lager Neue Bremm, Natzweiler und Hinzert sind geplant.

Informationen
Der Workshop wurde organisatiert von: Wojciech Lenarczyk (Lublin), Andreas Mix (Berlin), Johannes Schwartz (Erfurt/ Berlin), Veronika Springmann (Berlin).
Finanziell unterstützt wurde das Projekt vom Fonds »Erinnerung und Zukunft«, der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« und der Dr. Hildegard Hansche Stiftung.

Kontakt
Diesjähriges Organisationsteam: lublin2005@web.de
 

Christine Müller (M.A.), arbeitet an einer Promotion zum Thema »Polnische Erinnerungspolitik an die Vernichtungslager der Aktion Reinhardt: Bełżec, Sobibór und Treblinka – 1944–2004«. Seit Januar 2006 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Heidelberg, Dezernat Internationale Angelegenheiten.